Wirtschaft und Gesellschaft 29. Jahrgang (2003), Heft 2 und nur bei d iesem die I nflation stabil bleibt. Volkswirtschaften tendieren zu dieser Gleichgewichtsarbeitslosigkeit, der NAIRU, die langfristig unab­ hängig von Fiskal- und Geldpolitik ist und von der institutionellen Ausge­ staltung des Arbeitsmarkts, speziell des Wohlfahrtstaates, abhängt. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit in Europa ist dementsprechend auf Refor­ men im Sozialsystem zurückzuführen . Diese Erklärung ist innerhalb der ökonomischen Theorie n icht unum­ stritten . Im zweiten Abschnitt wird , nach einer Darstellung der NAIRU­ Theorie, deren Verhältnis zur keynesianischen Theorie diskutiert. Dieses Verhältnis ist komplex, da die NAIRU-Theorie selbst eine neu-keynesia­ n ische Theorie ist , weil sie von nicht räumenden Märkten ausgeht, auch wenn ihre wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen eher als neoliberal denn als keynesianisch einzustufen sind. Darüber h inaus weist d ie I nfla­ tionserklärung der NAIRU-Theorie Ähnlichkeiten zur post-keynesiani­ schen Konflikt-Inflationstheorie auf. Keynesianische Reaktionen auf die NAIRU reichen von schroffer Ablehnung (z. B. Davidson) bis zur I ntegration keynesianischer Argu­ mente in NAIRU-Modelle (Ball , Sawyer) . ln d iesen Modellen wird die NAIRU durch Mechanismen wie Arbeitslosigkeitspersistenz und Kapital­ akkumulation endogenisiert. Damit wird d ie NAIRU selbst abhängig von der Entwicklung von Nachfrage und Arbeitslosigkeit. Im dritten Teil der Arbeit wird die Erklärungskraft jener makroökonomischen Variablen , die gemäß der NAIRU-Theorie bzw. gemäß den keynesianischen Ansätzen relevant sind , empirisch untersucht. Die ökonometrische Untersuchung bezieht sich auf den Zeitraum von 1 960 bis 1 995 und die g roßen euro­ päischen Länder sowie die USA. 1. Die NAIRU-Theorie Die NAIRU-Theorie geht nicht wie die walrasianische Mikroökonomie von sich räumenden Märkten aus. Speziell für den Arbeitsmarkt wird angenommen , dass Löhne nicht gemäß dem Grenzleid des Arbeitneh­ mers und dem Grenzprodukt der Arbeit gesetzt werden, sondern, realis­ tischer, dass Gewerkschaften mit Oligopolistischen Unternehmen die Löhne verhandeln. 1.1 Das NAIRU-Modell Ein NAIRU-Modell ist in Tabelle 1 zusammengefasst. Dieses einfache Modell ist für unsere Zwecke ausreichend , da es alle wesentl ichen makroökonomischen Eigenschaften des NAIRU-Ansatzes enthält. Glei­ chung N. 1 ist eine Nachfragefunktion , wie sie z. B. von einem IS-LM­ Modell abgeleitet werden kann: Die Nachfrage ist eine negative Funktion des Preisniveaus und eine Funktion von diversen externen Faktoren wie 190