30. Jahrgang (2004), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft Die Debatte über die Grenzen des Wachstums erlangte, nach verein­ zelten wissenschaftl ichen Beiträgen in den sechziger Jahren,15 allmähl ich Breitenwirkung: Der Club of Rome, 16 eine Gruppe europäischer Laien, beauftragte 1 968 ein amerikanisches Forschungsteam, die Grenzen des Wachstums wissenschaftlich zu untersuchen. 17 Die Studie erwies sich in zweifacher Hinsicht als bemerkenswert: Erstens war sie die erste empiri­ sche Anwendung der unmittelbar vorangegangenen wissenschaftlichen Innovation der empirischen Systemtheorie; 18 zweitens wirkte ihre Veröf­ fentl ichung als Schock, der eine lange und breite öffentliche Diskussion auslöste. Obwohl sich die meisten Ergebnisse nachträglich als falsch he­ rausstellten und Ressourcenmangel als Wachstumshemmnis von den tra­ ditionel len Volkswirten schon damals vielfach bestritten wurde, 19 trug sie maßgeblich zum Wandel der öffentlichen Meinung bei . ln einer zweiten Welle wurden Begrenzungen des Wachstums durch Emissionen i. w. S. sowie der Aufnahme- und Verarbeitungskapazität der natürl ichen Syste­ me thematisiert,20 in weiterer Folge "die Sozialen Grenzen des Wachs­ tums".21 I ronischerweise verschwanden viele dieser Überlegungen wieder - aus der Pol itik wie aus der öffentlichen Debatte -, als die zunächst so dringend geforderte WachstumsverlangsamunQ (aus anderen Gründen) tatsächlich eintrat; das ändert jedoch nichts daran, dass die Diskussion nicht nur damals tiefe Verunsicherung auslöste, sondern auch heute noch Unsicherheit in Bezug auf Wachstumspolitik erzeugt: Innerhalb einer Ge­ neration hatte die Einschätzung von Wachstum vom Allheilmittel zum Buh­ mann gewechselt, und noch heute spaltet sie die Bevölkerung in zwei welt­ anschauliche Lager. Der zweite Paradigmenwechsel betraf das Weltwährungssystem. Die Debatte um seine Gestaltung hatte schon die sechziger Jahre geprägt, als bewusst wurde, dass d ie ausreichende Versorgung mit internationaler Liqu id ität im sogenannten Bretton Woods-System fester Wechselkurse laufender US-Zahlungsbilanzdefizite und damit laufend ste igender Ver­ schuldung der USA bedarf, was dem Vertrauen in den Dollar natürlich nicht d ien lich war.22 Die daraus resultierende Assat-Umschichtung vom Dollar in Gold und D-Mark erschöpfte die US-Reserven rasch, sodass Nixon 1 971 die Goldeinlösungspfl icht aufheben musste; nicht bloß der Übergang vom Goldstandard zu dem neuen System der flexiblen Wechselkurse verunsi­ cherte die Weltwirtschaft, das neue System selbst verursachte Instabil ität und weitere Verunsicherung durch stark schwankende Kurse. Daraus re­ sultierte ein massiver Druck der Exportwirtschaft, der zunehmend regu­ l ierende Eingriffe zwecks Bindung der Wechselkurse erzwang.23 Weiters löste die I nstabi l ität eine intensive wissenschaftl iche Diskussion um die Vor- und Nachteile marktmäßig frei schwankender Wechselkurse aus, d ie letztlich zur Akzeptanz des Konzepts des Optimalen Währungsgebiets führ­ te; dieses hatte Mundeil schon 1961 konzipiert und damit die theoretische 1 3