Wirtschaft und Gesellschaft "glückliche Umstände" zurückzuführen, zeichnet sich aber durch das "konse­ quente Ausnutzen dieser Umstände" aus. Die US-amerikanischen Wirt­ schaftspolitikerlnnen stellen sich ins­ gesamt als weniger ideologisch gelei­ tet dar als ihre europäischen Kolleg in­ nen. Wem nutzt Koordinierung? Im Weiteren geht Torsten Niechoj in seinem ausgesprochen interessanten Artikel der Frage nach, welche Politik­ empfehlungen keynesianische Makro­ politik - in ihren verschiedenen Facet­ ten von neu- bis postkeynesianisch - für die europäische Wirtschaftspolitik geben würde und welche Akteure dar­ an I nteresse haben könnten/sollten . N iechoj kommt zu der Einschätzung, dass die aktuelle Ausrichtung der EU sich einer neukeynesianischen Orien­ tierung angenähert hat (Abkehr von der Geldmengenpolitik, Nicht-Sanktionie­ rung der Defizit-Sünder etc.) . Allerdings verfolgen die Gewerkschaften eher post-keynesianische Forderungen, von denen die EU noch weit entfernt ist: Weder gibt es eine langfristig ausge­ richtete Politik der Wachstumssteige­ rung noch ein Bekenntnis zur produk­ tivitätsorientierten Lohnpolitik. Ergänzt wird diese Analyse durch ei­ nen sehr kurzen, äußerst politisch ge­ haltenen Artikel von Rudolf Welzmül­ ler, der sich als Vorstandsmitglied der IG-Metall klar zur Notwendigkeit einer koordinierten Makropolitik bekennt; dies beinhaltet auch die Koordinierung der Lohnpolitiken. Der Makroökonomische Dialog ln der wirtschaftspolitischen Realität ist ein Gremium von zentraler Bedeu­ tung - insbesondere für Gewerkschaf­ ten, die sich immer besonders stark für seine Entstehung eingesetzt haben : 146 3 1 . Jahrgang (2005), Heft 1 Der sog. Makroökonomische Dialog (MD). ln diesem Rahmen treffen sich halbjährlich Vertreterinnen der EZB, des Rates Wirtschaft und Finanzen, des Rates Arbeit und Soziales, der Kommission und der Sozialpartner: Zur Bewertung der realpolitischen Auswir­ kungen wurde mit dem Koordinator die­ ses Gremiums, Will i Kal i , ein wesent­ licher Akteur auf EU-Ebene für einen Beitrag eingeladen. Er analysiert Ent­ stehungsgeschichte und -Überlegun­ gen dieses Dialoges und nimmt natur­ gemäß eine positive Haltung zum MD ein. ln seinem Beitrag geht er vor allem auf die Gründe ein, warum ein solches Forum ökonomisch zweckmäßig und eine sinnvolle Ergänzung zu den struk­ turpolitischen Diskussionen ist. Wenn auch vorsichtig, so äußert Kali doch Kritik an manchen Aspekten des MD, wie etwa dem Fehlen einer Entspre­ chung zu dieser Form von Koordinie­ rung in manchen Mitgliedstaaten. Dieser Blick aus der Institution wird von Ronald Janssen, einem Vertreter des Europäischen Gewerkschaftsbun­ des, ergänzt. Einmal mehr wird das Fehlen makroökonomischer Koordinie­ rung für die schwache Wirtschafts-Per­ formance der EU verantwortlich ge­ macht. Hier liegt im Übrigen auch eine Schwachstelle der Aufsatzsammlung: Die Analysen der wirtschaftlichen Ent­ wicklung finden praktisch in jedem Ar­ tikel statt und weichen auf Grund der ähnlichen Weltsicht kaum voneinander ab. ln einem etwas oberflächlichen Plä­ doyer für den MD vertritt Janssen die Ansicht, dass die Einschätzungen und die Handlungen der Arbeitnehmerver­ treter bei den anderen Akteuren des MD selten Beachtung fänden, es aber trotz d ieser eher frustrierenden Ent­ wicklung für die Gewerkschaften not­ wendig sei, an d iesem Gremium (mit einigen Reformenwünschen) festzu-