31. Jahrgang (2005), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft grundlegendes Missverständnis zur Methodologie empirischer Forschung erkennen. Empirische Studien stehen in der Regel vor dem Problem, dass sie Phänomene untersuchen, die - wie z. B. der tarifl iche Zentralisations­ grad - nicht unmittelbar beobacht- und messbar sind . Sie müssen viel­ mehr durch Oparationalisierung in Form von Indikatoren erst messbar ge­ macht werden. Zwar ist es richtig , dass die Art der Oparationalisierung a priori eine "subjektive" Entscheidung ist; sie ist dann allerdings im Hinblick auf ihre Valid ität ebenso wie d ie Messergabnisse zu begründen. Die Bei­ träge zur komparativen Analyse der Lohnverhandlungssysteme unter­ scheiden sich - ebenso wie die Studien zu anderen wirtschafts- und so­ zia lwissenschaftlichen Themenfeldern - in der Genauigkeit ihrer mess­ theoretischen Begründung. Für eine ausführliche Dokumentation zur Opa­ rational isierung der Tarifsysteme und der darauf aufbauenden Länder­ klassifikationen sei hier aber auf Traxler/Kittel (2000, S. 1184-1188) so­ wie Traxler et a l . (2001, insbes. S. 113-119 , 149-169) verwiesen . Ange­ sichts des Umstandes, dass mittlerweile auch schon Evaluierungsstudien zur Klassifikation von Lohnverhandlungssystemen vorliegen, erweist sich der Vorwurf, Klassifikationen würden in der Debatte einfach behauptet, vol lends als absurd .29 ln Anbetracht der pauschal gehaltenen Kritik Poilans ist hier auch noch auf die Art der für die Debatte relevanten Indikatoren einzugehen . Es ver­ steht sich von selbst, dass im Rahmen einer hypothesenorientierten Ana­ lyse die Prädiktaren (Kausalfaktoren) unabhängig von der abhängigen Va­ riable zu messen sind. l n Bezug auf die hier interessierende Fragestel­ lung bedeutet dies, dass das Lohnverhandlungssystem eines Landes un­ abhängig von dessen ökonomischen Effekten (wie Lohnstruktur, I nflation und Beschäftigung) zu oparationalisieren und messen ist, wenn es darum geht, den Einfluss des Lohnverhandlungssystems auf eben diese ökono­ mischen Zielgrößen zu testen . Alles andere wäre tautologisch. Wie oben dargestel lt , finden Institutionen ihren empirischen Ausdruck in Verhal­ tensregelmäßigkeiten. Die Messung von I nstitutionen hat demzufolge auf diese Regelmäßigkeiten abzustellen. ln diesem Sinne lässt sich Pattern Bargaining vermittels folgender I ndi­ katoren operationalisieren: (i) Es gibt eine generalisierte zeitliche Abfolge der Tarifabschlüsse in der Weise, dass der lohnführende Sektor die jähr­ liche Tarifrunde eröffnet; (ii) dieser Sektor ist Themenführer auch in qua­ l itativer Hinsicht, indem seine Abschlüsse "Präjudize" hinsichtlich der re­ levanten Verhandlungsgegenstände und des Inhalts der Verhandlungs­ kompromisse setzen . Entgegen der Behauptung Poilans lassen sich zu beiden Vorgaben für Österreich durchaus empirische Belege finden, wie im folgenden Abschnitt noch erläutert werden wird. Ein anderer konzeptioneller Einwand zu Pattern Bargaining ist, dass Imi­ tationsprozesse die Lohnbildung generell charakterisieren. Daraus wäre 179