31. Jahrgang (2005), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft 4. Pattern Bargaining in Österreich Abweichend von der herkömmlichen Meinung stel lt Pol lan (2004) die Existenz von Pattern Bargaining in Österreich in Zweifel. Dazu ist zunächst anzumerken , dass das Tarifverhandlungssystem jene beiden oben er­ wähnten Merkmale erfüllt, die jedenfalls aus komparativer Perspektive na­ he legen, Österreich als Fall von Pattern Bargaining zu klassifizieren: • Es gibt eine klare, institutionalisierte zeitliche Abfolge der Kol lektivver­ tragsverhandlungen in der Weise, dass traditionellerweise die Metal l­ industrie (repräsentiert durch eine Verhandlungsgemeinschaft der Ge­ werkschaft Metall-Textil und der Gewerkschaft der Privatangestellten für d ie Arbeitnehmer und meh rerer Fachverbände der Wirtschafts­ kammer für die Arbeitgeber) die jährl iche Tarifrunde im Herbst eröff­ net.43 l n den Massenmedien wird dem Abschluss dieses Sektors übli­ cherweise eine "Signalwirkung" für die nachfolgenden Kol lektivver­ tragsverhandlungen zugeschrieben . • Ebenso gibt es Evidenz für die Themenführerschaft der Metallindustrie. So prägte sie u . a . die tarifl iche Arbeitszeitpolitik entscheidend . Der 1985 fixierte Abschluss, der einerseits eine Verkürzung der Wochen­ arbeitszeit auf unter 40 Stunden und andererseits erste Flexibi l isie­ rungsregeln (u. a. Bandbreiten- und Durchrechnungsregelungen) ent­ hielt, wurde zum Anstoß und Modell für eine Vielzahl von nachfolgen­ den Verträgen für andere Sektoren. Darüber h inaus wurde von der nunmehrigen Gewerkschaft Metall-Tex­ ti l auch mehrfach der Anspruch auf Lohnführerschaft erhoben.44 Quasi­ offiziel len Charakter erhielt d ieser Anspruch durch seine Publ ikation im Tätigkeitsbericht des ÖGB für 1982. Zu "Fragen der , Lohnpolitik"' wurde hier seitens der Gewerkschaft Metal l - Bergbau - Energie (als der Vor­ gängerorganisation der Gewerkschaft Metall - Textil) unter anderem fest­ gehalten : "Die Möglichkeiten der Lohnpolitik sind in den Bereichen der Wettbewerbswirtschaft festzustel len, die Lohnpolitik i n den geschützten Bereichen hat sich daran zu orientieren . . . Allgemein werden Wachstum und Inflation als Hauptgrößen der Lohnpolitik angesehen . . . Die Mögl ich­ keiten der Umverteilung zeigen sich fast ausschließlich im Betrieb . . . Ei­ ne Umverteilung unter nicht zusammenhängenden Betrieben ist nicht nur nicht möglich , sondern auch nicht wünschenswert. . . . Aber auch die ext­ rem unterschiedlichen Erträge erzwingen extreme Lohndiskrepanzen . . . 45 Aus al l dem lässt sich zwar auf die Existenz von Pattern Bargaining (im Sinne einer Verhaltensregelmäßigkeit) schließen , keineswegs jedoch auf den Grad ihrer Effektivität. Dies ist das Thema der Studie von Pollan (2004). Seine Vorgangsweise ist folgende: Er misst Pattern Bargaining am Aus­ maß der intersektoralen Lohnungleichheit und stützt seine Untersuchung im wesentlichen auf folgende Indikatoren: d ie Lohnstruktur (gemessen an 185