31. Jahrgang (2005), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft (bel iebig) niedrigere Absch lüsse der anderen Einheiten zu einem Mode­ rierungseffekt. Niedrigere Abschlüsse widersprechen auch nicht der Inte­ ressenlage des Lohnführers, ihn betreffende negative External itäten der Abschlüsse der anderen Verhandlungseinheiten hintanzuhalten. Die Gleichheit der Erhöhungsraten ist daher keine notwendige Bedingung für Pattern Bargaining und dessen Moderierungseffekt. Das entscheiden­ de Kriterium im Verhältnis der Lohnabschlüsse zueinander ist vielmehr, dass die Abschlüsse der anderen Einheiten jedenfalls nicht höher sind als der lohnführende Abschluss. Dennoch gibt es einen guten Grund dafür, zu über­ prüfen, inwieweit die Lohnerhöhungsraten der anderen Verhandlungsein­ heiten vom Abschluss des Lohnführers abweichen. Je mehr sich die ande­ ren Verhandlungseinheiten dem Abschluss des Lohnführers regelmäßig an­ nähern, desto stärker sind die gesamtwirtschaftl ichen Effekte der tarifpoliti­ schen Entscheidung des Lohnführers und desto nachhaltiger wirken nega­ tive Externalitäten der Lohnbildung insgesamt auf ihn zurück. Deshalb soll­ ten die Tarifabschlüsse des Lohnführers dann besonders zurückhaltend sein , wenn er davon ausgehen kann, dass die anderen Verhandlungsein­ heiten im Wesentlichen die gleichen Ergebnisse erreichen können. Anders formuliert: der Moderierungsanreiz für den Lohnführer selbst wächst im Maß der Gleichheit der Lohnerhöhungssätze. Vor diesem Problemhintergrund sind die von Pollan (2004) präsentierten Daten zu den tarifl ichen Lohner­ höhungssätzen von Interesse. Zunächst ist festzuhalten, dass im Vergleich zur Metallindustrie für nahezu alle anderen Branchen die gleichen oder nied­ rigere Abschlüsse getätigt wurden. Die wenigen Ausnahmen, die alle den Zeitraum vor 1 995 betreffen, zeigen nur minimale Abweichungen. Die Gleich­ heit der Tarifabschlüsse misst der Autor in Form des Variationskoeffizien­ ten. Dabei ist für Pollan (2004, S. 94) eine Spannweite des Variationskoef­ fizienten der Abschlüsse im privaten Sektor über die verschiedenen Perio­ den im Ausmaß von 0 ,07-0 , 1 6 (Arbeiter) bzw. 0 ,09-0,26 (Angestellte) An­ lass, die These von der tendenziellen Gleichheit der Abschlüsse und damit die Existenz von Pattern Bargaining zurückzuweisen. ln einer analogen Ana­ lyse für die Tarifabschlüsse in Deutschland von 1962 bis 1 990 errechnet Meyer (1 995) periodenspezifische Variationskoeffizienten (Arbeiter und An­ gestellte) in der Spannweite von 0, 14-0,47 und nimmt dies aber als Indiz für die Effektivität von Pattern Bargaining in der Bundesrepublik. Dies unterstreicht einen weiteren methodischen Mangel der Studie von Pollan. I ndem sie sich ausschl ießlich auf die Mittel der Deskriptivstatistik stützt, unterl iegt sie dem Risiko der Beliebigkeit in den Interpretationen und Schlussfolgerungen .47 Im Unterschied zu Pollan überprüft Meyer sei­ nen ersten Augenschein auf der Grundlage eines statistischen Modells, das die Abschlüsse der anderen Verhandlungseinheiten auf signifikante Abweichungen vom lohnführenden Abschluss untersucht, und findet die Hypothese von Pattern Bargaining für Deutschland bestätigt. 187