31. Jahrgang (2005), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft BERICHTE UND DOKUMENTE Quo vadis, China? Gerd Kaminski Es geht nicht um einen, sondern um verschiedene parallel verlaufende We­ ge, auf denen China mit verschiedenen Geschwindigkeiten unterwegs ist. Am weitesten vorangekommen ist China zweifellos in der 1. Wirtschaft Die Leistungen auf d iesem Gebiet sind umso eindrucksvoller, wenn man die Ausgangssituation im Jahr der Gründung der VR China bedenkt. 1 949 betrug das Einkommen pro Kopf 27 US-$ , während das Indiens 57 $ aus­ machte. Laut dem Weltentwicklungs­ bericht 2005 der Weltbank belief sich das Pro-Kopf-Bruttonationaleinkommen Chinas im Jahre 2003 bereits auf 1 . 1 00 $ (bei Kaufkraftparität 4 .990 $) . Indien erreichte mit 530 $ n icht einmal die Hälfte des chinesischen Wertes. Die durchschnittl iche jährl iche Wachstumsrate des realen Bruttoin­ landsprodukts betrug laut Weltbank zwischen 1 990 und 2003 nicht weniger als 9,5%! Der Anteil der Bruttoinvesti­ tionen am B IP lag 2003 bei 42%! Ge­ mäß dem Wirtschaftsausblick der OECD vom Dezember 2004 wuchs die chinesische Wirtschaft im Jahre 2004 um 9,2%, und für das laufende Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von 8,0% prognostiziert. Die Regierung ist bemüht, durch eine Straffung der ma­ kroökonomischen Politik eine gewisse ,Verlangsamung' des Wachstumstem­ pos herbeizuführen. Dass es in der Vergangenheit gelang, eine Überhitzung der Wirtschaft zu ver­ hindern, wird daraus ersichtlich, dass das extrem rasche Wachstum von ei­ ner nur moderaten Teuerung begleitet war: Laut Weltbank belief sich der durchschnittliche jährliche Anstieg des BIP-Deflators zwischen 1 990 und 2003 auf 4 ,9%. Gemäß OECD lag die Infla­ tionsrate im Jahre 2004 bei 4,2%, und die Prognose für 2005 lautet 4,0%. Diese wahrhaft erstaunl ichen Fort­ schritte in der wirtschaftl ichen Ent­ wicklung wurden durch eine Politik der Öffnung nach außen und Strukturre­ formen im Inneren ermöglicht. Mit der im Jahre 1 978 beschlossenen "Öffnung nach außen" begann eine Außenwirtschaftspolitik , die ausländi­ sches Kapital und Wissen für den Auf­ bau der chinesischen Wirtschaft zu nüt­ zen beabsichtigte. Exporterfolge soll­ ten Devisen für die notwendigen Im­ porte von Anlagen, Ausrüstungen, Ma­ schinen etc. bereitstellen. ln der Praxis wurde über dieses Ziel weit hinausge­ schossen: Die starke Exportorientie­ rung der Wirtschaft und die Unterbe­ wertung der chinesischen Währung (Wechselkursanbindung des Renmin­ bi an den US-Dollar) in Relation zu den wichtigsten Weltwährungen versetzten China in die Lage, unter Beibehaltung starken Importwachstums (Außenbei­ trag von Waren und Dienstleistungen 2003: +1 % des B IP) sehr hohe Devi­ senreserven anzuhäufen: Ende 2004 hatte China mit rd . 600 Mrd. US-$ an 255