-------------------------------------- 3 1 . Jahrgang (2005), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft BÜCHER Die Deutschen sind besser, als sie glauben Rezension von: Peter Bofinger, Wir sind besser, als wir glauben. Wohlstand für alle, Pearson Studium, München 2005, 284 Seiten, € 20,60; Albrecht Müller, Die Reformlüge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren, Droemer, München 2004, 240 Seiten, € 19,90. Die beiden hier zu besprechenden Bücher haben in der Grundtendenz vie­ les gemeinsam: Seide wirken als öko­ nomische Antidepressiva in einer Dis­ kussionslandschaft, die speziel l i n Deutschland von einem Pessimismus geprägt ist, der psychologisch als Ger­ mano-Masochismus oder politisch als konsequente Verunsicherungsstrategie gesehen werden kann. Und beide Bü­ cher wenden sich gegen die vor allem in Deutschland - und in der EU-Kom­ mission - als "Angebots-Orientierung" auftretende Markt-Orthodoxie und ver­ treten Positionen, die in Deutschland als "keynesianisch" bezeichnet werden, international dagegen ökonomischen "mainstream" darstellen. Im Einzelnen sind die beiden Bücher freil ich so ver­ schieden, wie Werdegang und Tempe­ rament der Autoren. Peter Botinger ist Ökonomieprofes­ sor an der Universität Würzburg, aner­ kannter Spezialist für Geld- und Wäh­ rungstheorie und seit 2004 engagier­ tes und eigenständiges Mitg l ied des deutschen Sachverständigenrates. Es ist nicht ohne Pikanterie, dass Botinger als positives Leitbild sich durchgehend auf Ludwig Erhard bezieht. War des­ sen Zielsetzung "Wohlstand für al le", so ist das Leitmotiv der "Masochismus - Ökonomie": "Armut für viele". Botin­ ger zitiert hierfür - n icht immer ohne Polemik - eine Vielzahl von Belegen, wobei er sich als besonderes Beispiel speziell auf den bekannten Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn und sein Buch mit dem vielsagenden Titel " Ist Deutschland noch zu retten" bezieht. Botinger leistet hier eine intellektuel­ le Arbeit, die faszin ierend und längst überfäl l ig ist: Er konfrontiert konkrete Aussagen der "Untergangs-Ökonomen" und der darauf aufbauenden "Gürtel­ Enger" Sonntagsredner mit der empi­ risch erfassten Wirklichkeit, und er ver­ gleicht die Ergebnisse der unter dieser Stimmungslage gesetzten Maßnahmen mit den ursprünglich gegebenen Er­ wartungen und Versprechen. Dabei de­ monstriert er konsequent und metho­ disch unangreifbar: Die übl ichen düs­ teren Darstellungen der internationa­ len Wettbewerbskraft und der Wachs­ tumsperspektiven Deutschlands sind empirisch nicht haltbar. Gleichzeitig ha­ ben die angebotsorientiert konzipierten "Reformen" in den Bereichen Arbeits­ markt, öffentliche Finanzen, Pensions­ system bei weitem nicht die damit ver­ bundenen Versprechungen erfü llt, so dass wie bei Süchtigen die Dosis im­ mer weiter verstärkt wird - "nach der Reform ist vor der Reform". Um ein Beispiel zu geben: Es ist ja wirklich erstaunlich - oder bezeichnend für den Stand der deutschsprachigen Wirtschaftswissenschaften - dass die tatsächl ichen Effekte der deutschen 281