Wirtschaft und Gesellschaft Eine Vision für Europa Rezension von: Jeremy Rifkin, Der Euro­ päische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2004, 464 Seiten, € 24,90. 2004 markiert in vieler Hinsicht ein historisch bedeutsames Jahr für die Eu­ ropäische Union: Die Aufnahme zehn neuer Mitgliedstaaten aus Mittel- und Osteuropa im Mai besiegelte endgültig die Tei lung Europas, und die Staats­ und Regierungschefs einigten sich auf die erste Verfassung für die EU. Zeitgerecht zu diesen historischen Entwicklungen hat Jeremy Rifkin - vom Spiegel als "Bestseller-Maschine"1 ge­ adelt - einen neuen Bestseller vorge­ legt: "Der Europäische Traum - Die Vi­ sion einer leisen Supermacht". Rifkin , Leiter des Instituts "The Foundation on Economic Trends in Washington", be­ weist damit erneut seine erstaunliche Themenvielfalt 1 994 deckte er mit "Das Imperium der Rinder" d ie ganze Tragweite und die verheerenden öko­ logischen und sozialen Folgen des Rin­ derwahnsinns auf. 1 995 prognostizier­ te er das technologisch induzierte Ver­ schwinden der Arbeit und sah im Aus­ bau des dritten Sektors die einzige Chance, die auf dem Weltmarkt über­ flüssig gewordenen Arbeitskräfte auf­ zunehmen ("Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft") . Mit "Acces" zeigte er 2000, wie sich Alltagsleben, Arbeit, Freizeit und Konsumverhalten durch das Verschwinden des Eigentums ra­ dikal verändern werden. 2001 entwick­ elte er in "Die H2-Revolution" die Vision einer Wasserstoffwirtschaft, die die Öl­ wirtschaft ablösen wird. 476 3 1 . Jahrgang (2005), Heft 3 Und nun Europa. Auf über 450 Sei­ ten schreibt er über den "europäischen Traum" mit einer Euphorie, die jedem Europaskeptiker die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen müsste. Für ihn ist Europa zu einem gigantischen Ex­ perimentierfeld "zur Neubestimmung der conditio humana und zum Umbau der menschlichen Institutionen im glo­ balen Zeitalter" geworden. Rifkin ver­ weist zutreffend auf die zahlreichen Be­ strebungen in verschiedenen Weltge­ genden, dem EU-Vorbild nachzueifern . Aber was macht Europa aus? Rifkin analysiert den europäischen Traum, indem er ihn mit dem amerika­ nischen vergleicht. Und hier liegt zwei­ fellos der größte Gewinn für europäi­ sche Leser - vor allem in einer Zeit, da sich die EU mit der Strategie von Lis­ sabon das Ziel gesetzt hat, bis 20 1 0 zum stärksten Wirtschaftsraum der Welt zu werden, und manche Lissabon­ Strategen damit unverhohlen meinen, Europa müsse Amerika werden. Rifkins Buch zieht einen anderen Schluss: Amerika steuert in eine ge­ sellschaftliche Sackgasse, während Eu­ ropa zum neuen Hoffnungsträger für ei­ ne gerechtere Welt mutiert. "Europäi­ siert Amerika!" könnte auch der Unter­ titel seines Buches lauten. M it einigen Fakten und Zahlen stellt Rifkin klar, dass die EU schon heute Amerika überlegen ist. Die EU ist der größte Binnenmarkt und der größte Ex- und Importeur der Welt und nimmt auch bei den Dienstleistungen den ersten Platz ein. 14 der 20 größten Handelsbanken und 61 der 140 größten Unternehmen sind europäisch . ln Bezug auf Le­ bensqualität - Rifkin zählt dazu Aus­ bi ldung, Gesundheitsvorsorge, Wohl­ ergehen der Kinder, sichere Wohnvier­ tel - hinken die USA immer mehr hinterher. Die USA "erfreuen" sich heu­ te der extremsten Einkommensun-