3 1 . Jahrgang (2005), Heft 3 gleichheit aller OECD-Staaten . Dass dies in Amerika nicht wahrge­ nommen wird, hängt laut Rifkin mit ei­ nem falschen Blickwinkel zusammen. Amerikaner neigen noch immer dazu, einzelne europäische Staaten mit den USA zu vergleichen , wenn es darum geht, deren wirtschaftl iche und politi­ sche Macht zu beurteilen. Das ist der falsche Bezugsrahmen, richtigerweise müssten die einzelnen EU-Staaten mit einzelnen US-Bundesstaaten ver­ glichen werden. So etwa Deutschland als wirtschaftlich stärkstes EU-Land mit dem wirtschaftlich stärksten US­ Bundesstaat Ka l ifornien. Das B IP Deutschlands übertrifft mit 1 ,866 Bil­ lionen Dollar dasjenige Kaliforniens mit 1 ,344 Bil l ionen. Das zweitstärkste EU­ Land (Großbritannien) übertrumpft den zweitstärksten US-Bundesstaat (New York) um fast das Doppelte. Die Wirt­ schaftskraft Österreichs ist größer als diejenige Minnesotas. Ganz nachvoll­ ziehbar ist diese Logik allerdings nicht, wenn man die Einwohnerzahlen in Rechnung stellt (82 Mio. Deutsche ge­ gen 35 M io. Kalifornier, 8 Mio. Öster­ reicher gegen 5 Mio. Einwohner Min­ nesotas). Dennoch : Europa ist für Rifkin auf der Überholspur. Und er erklärt dies da­ mit, dass der europäische Traum den Herausforderungen der vernetzten und globalisierten Weit im 2 1 . Jahrhundert besser gerecht wird. Als Beleg führt er die fundamentalen Unterschiede in Werten und Vorstel lungen zwischen den USA und Europa an: Amerikaner assoziieren Freiheit mit Autonomie, individueller Unabhängig­ keit und Mobil ität. Je mehr Reichtum, desto größer d ie Unabhängigkeit von der Weit. Für Europäer gründet Freiheit auf Eingebundensein , wech­ selseitige Beziehungen zu anderen zu haben. Wirtschaft und Gesellschaft Amerikaner träumen von Wirt­ schaftswachstum , materiel lem Fort­ schritt und individuellem Reichtum. Der europäische Traum stützt sich auf nachhaltige Entwicklung, Lebensqua­ lität, wechselseitige Abhängigkeit und universelle Menschenrechte. Der amerikanische Traum ist vom re­ ligiösen Erbe nicht zu trennen, während Europa die säkularste Region der Weit ist. l n Amerika verschmelzen kulturelle Unterschiede im "Schmelztiegel". Der europäische Traum will die eigene kul­ turelle Identität in einem multikulturel­ len Umfeld bewahren. Rifkin arbeitet kapitelweise auf, wie es zu d iesen Unterschieden gekom­ men ist. Über weite Strecken l iest sich sein Buch wie ein geschichtsphiloso­ ph isches Werk, das auch n icht mit psychologischen Erklärungen geizt, wenn er etwa konstatiert: "Der Ameri­ kanische Traum ist größtenteils vom To­ destrieb durchdrungen. Wir wollen um jeden Preis Autonomie. Wir konsumie­ ren über alle Maßen, befriedigen jede Lust und verschwenden die Gaben der Erde. Wir legen das Primat auf unbe­ grenztes Wirtschaftswachstum, beloh­ nen die Mächtigen und drängen die Verwundbaren an den Rand. Wir sind eine Todeskultur geworden". Die Euro­ päer hingegen hätten sich für das Le­ ben entschieden: Europäer arbeiten, um zu leben, statt zu leben, um zu ar­ beiten . I hre Freiheit finden sie in Be­ ziehungen, n icht in Autonomie. Euro­ päer wollen im hier und jetzt eine gute Lebensqual ität, was aber auch heißt, an die Interessen der nachfolgenden Generationen zu denken. Bemerkenswert ist i n diesem Zu­ sammenhang das Kapitel über "eine zweite Aufklärung", in die Europa die Weit führen könnte. Amerikaner ver­ trauen unverbrüchlich auf den wissen- 477