Wirtschaft und Gesellschaft wünscht, da ist dieses Buch durchaus auch in fachlicher Hinsicht ernst zu nehmen. Köstlich beispielsweise, wie Müller darauf verweist, dass Hans­ Werner Sinn in der ersten Auflage sei­ nes Buches "Ist Deutschland noch zu retten" (auf S. 71 ) eine Grafik zeigte , die den enorm "gestiegenen Anteil der USA am Welthandel" offensichtlich als vorbildhaft darstellte - dabei ging es allerdings um die ins Monströse ge­ stiegenen Importe. Problematisch ist dieses Buch frei­ lich in den Themenbereichen , die es ausspart oder nur ganz marginal be­ handelt. So widmet Müller der extre­ men Belastung der westdeutschen Wirtschaft durch die DDR-Integration nur wenig tiefgründige Überlegungen. Wir erfahren beispielsweise, dass Mül­ ler seinerzeit gegen den Umtausch von West- und Ostmark im Verhältnis von 1 : 1 gestimmt habe , weil das die Wett­ bewerbsfähigkeit der DDR-Betriebe zerstört habe. Zugegeben. Aber was wäre die Alternative gewesen? Ein realistischeres Umtauschverhältnisse oder das Fortbestehen einer "weichen" Ostmark analog den Währungen der anderen Reformländer hätte einen noch viel dramatischeren innerdeut­ schen Massenexodus bewirkt , als er ohnehin eingetreten ist. Und warum ist nirgends von der Katastrophe der "Gemeinwirtschaft" (Coop, Neue Heimat , BfG) die Rede, einem Parallelphänomen zur Implosi­ on des Realsozialismus , das mit dazu beigetragen hat , dass sich heute auch 270 32. Jahrgang (2006), Heft 2 große Teile der ehemals linken Eliten zu Privatisierung, zu öffentlich-privaten Partnerschaften etc. bekennen? Und liegt nicht ein wesentliches Problem auch darin, dass jene Teile des ehe­ mals gemeinwirtschaftliehen bzw. öf­ fentlichen Sektors , die nicht zu Grunde gegangen sind, ihnen nahe stehende Funktionäre gerne zu viel ,,Verständnis für betriebliche Notwendigkeiten" moti­ viert haben? (Man denke an die Rolle des VW-Managements in Niedersach­ sen , Stichwort Hartz.) Mit solchen Überlegungen würde allerdings die einfach gestrickte Welt der Philippika verlassen. Gleiches gilt für den Fall, dass man sich eingesteht , dass beispielsweise auch "gemeinwirtschaftliche" Versi­ cherungsunternehmen Interesse an Angstpropaganda haben können , um die Eigenvorsorge ihrer Kunden zu sti­ mulieren. Albrecht Müllers Buch legt den Fin­ ger auf viele offene Wunden , nicht zuletzt was die durchgreifende Kom­ merzialisierung der Welt betrifft, die heutzutage zuweilen geradezu ins trendige Bekenntnis zur eigenen Käuf­ lichkeit mündet. Leider weiß Müller aber keine wirk­ lich überzeugenden Gegenrezepte beizubringen , und seine starken Worte sind , auch dort , wo er hundertprozen­ tig Recht hat, eher ein Indiz der inte­ ressenpolitischen Schwäche der von ihm vertretenen Positionen. Robert Schediwy