32. Jahrgang (2006), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft Internationale Produktionsverlagerungen im Spannungsfeld von betriebs- und volkswirtschaftlichen Anforderungen Harald Zschiedrich 1. Einleitung und Problemstellung Produktionsverlagerungen ins Ausland sind in der Tat kein neues Phä­ nomen. Allerdings erreicht die derzeitige Welle der Verlagerungen in Deutschland, in den USA sowie in anderen Industrieländern eine neue Qualität, die sich u. a . in folgenden Merkmalen ausdrückt: Erstens: ln der Vergangenheit war der Aufbau einer Auslandsproduk­ tion vorrangig eine Internationalisierungsstrategie der multinational und global agierenden Großunternehmen . Wie die Praxis zeigt, hat sich d ies grundlegend geändert: Immer mehr mittelständische Unternehmen pla­ nen die Verlagerung von Wertschöpfungsstufen ins Ausland: "Während Unternehmen mit einem Umsatz bis zu 1 0 Mio. Euro bislang nur zu 8% Verlagerungen real isierten, planen dies gegenwärtig nun 42%."1 Zweitens: Obwohl die meisten Verlagerungen nach wie vor auf den Pro­ duktionsbereich ausgerichtet sind, werden immer stärker auch andere Un­ ternehmensbereiche Gegenstand von Verlagerungen : "Der Anteil ande­ rer Unternehmensfunktionen (Administration, Service, Vertrieb, Einkauf, Forschung und Entwicklung) steigt von 37% (2000) auf 47% an (2006). Die Zuwächse liegen dabei vor allem im Bereich der Verwaltung (Back­ office-Tätigkeiten) sowie im Vertrieb. I nsbesonders sind davon standardi­ sierte Abläufe mit hohen Lohnkostenanteilen betroffen (Administration) , während die Zunahme der Verlagerungen im Vertrieb vor allem eine Fol­ ge der Globalisierung der Märkte und der erforderlichen Präsenz vor Ort ist. Was Forschung und Entwicklung betrifft, so ergeben sich bezüglich der Zielregion im Vergleich zur Produktion (vorrangig Mittelosteuropa und Asien) klare Unterschiede: Knapp die Hälfte der deutschen Unternehmen verlagert ihre FuE-Tätigkeiten innerhalb der EU 1 5."2 Drittens: Internationale Standortentscheidungen tangieren in hohem Maße und stärker als früher d ie Dienstleistungsfunktionen. Offshoring, das Auslagern von Dienstleistungsfunktionen und Prozessen, ist heute 443