Wirtschaft und Gesellschaft 32. Jahrgang (2006), Heft 4 schlossene und nachhaltige Verfolgung unterbanden. Die Geschichte der Mafia von der faschistischen Ära bis zum Ende der Ersten Republik wurde schon an anderer Stelle behandelt und soll daher nur skizziert werden:2 Mussol in i erreichte mit undifferenzierter Repression die Unterdrückung der Mafia, aber hicht ihre Ausrottung. Die US-Mil itärverwaltung in Sizilien setzte 1 943, ohne dies zu beabsichtigen , viele Mafiosi als amtsführende Bürgermeister ein. Im folgenden Jahr beantworteten Latifundisten und Mafia die Landreformplä­ ne des KP-Agrarministers mit Mordanschlägen gegen bäuerliche Aktivisten und Gewerkschafter. Diese Terrorwelle gegen die Bauernbewegung dauerte bis in die 1 950er Jahre. Damit war die Mafia erneut als " Instrument der lokalen Verwaltung" und als Ordnungsfaktor etabliert. Der Kalte Krieg ermöglichte der Cosa Nostra, wie sich die sizil ianische Mafia nun nannte, die Reintegration in das nationale politische System: 1 946/47, als eine kommunistische Machtübernahme eine realistische Gefahr darstellte, traf die Christlich-Demokratische Partei (DC) ganz bewusst die Entscheidung, auf Sizilien die H i lfe der Mafia gegen die KPI in Anspruch zu nehmen. Die Symbiose zwischen der Cosa Nostra und der DC als der dominanten politischen Kraft des Landes währte bis Anfang der 1 990er Jahre und beruhte, grob vereinfachend, auf dem Tauschgeschäft Wählerstimmen gegen politische Rückendeckung und großzügige Beteil igung an den Früchten der Patronage. Die Autonomieregelung für Sizil ien und die staatlichen sowie später die EU-Ausgabenprogramme für die unterentwickelte Region eröffneten unerschöpfliche Möglichkeiten für Korruption und Patronage. Die Mafia erreichte weitgehende Kontrolle über die sizil ianische Sauwirtschaft. I nnerhalb der DC war ab 1 954 die Fraktion von Amintore Fanfani (sechsmal Premierminister) Hauptnutznießer des Bündnisses mit der Cosa Nostra, und ab 1 964 führte Salvatore Lima seinen auf der Zusammenarbeit mit der Mafia beru­ henden sizilianischen Stimmenblock Giulio Andreotti (siebenmaliger M inisterprä­ sident) zu. "Ohne die Rückendeckung von Lima wäre Andreotti wahrscheinl ich nie Premierminister geworden." (S. 494) 2003 sprach das Berufungsgericht An­ dreotti von der Anklage der Zusammenarbeit mit der Mafia frei. Doch diese Be­ stätigung des Freispruchs aus dem Jahre 1 999 verdankte Andreotti ledigl ich den Verjährungsgesetzen. Im Urteil wurde festgestellt, Andreotti habe "den Mafiosi bis zum Frühjahr 1 980 auf ehrliche, stabile und freundliche Weise zur Verfügung gestanden". (S. 498) Die Macht des einflussreichsten italienischen Politikers der Ersten Republik beruhte also in erheblichem Maße auf seiner Unterstützung durch die sizi l ianische DC, die mit der Cosa Nostra verbündet war! Ab den späten 1 950er Jahren war die Cosa Nostra im internationalen Dro­ gengeschäft tätig und erlangte in der zweiten Hälfte der 1 970er Jahre - z. T. in Kooperation mit der US-Mafia - die Vorherrschaft im Heroinhandel, wo astro­ nomische Gewinne erzielt wurden. Die Erfordernisse des internationalen Dro­ gengeschäfts bedingten die Schaffung einer stärker h ierarchischen Organisati­ onsstruktur: 1 970 wurde ein Lenkungsgremium, die sog. "Kommission", für die Region Palermo und 1 975 ein Pendant für ganz Sizilien eingerichtet. Im blutigen Mafia-Krieg der Jahre 1 980-83 rissen die Corleoneser unter der Führung von Salvatore Riina die Führung an sich und errichteten in der Cosa Nostra eine auf brutaler Gewalt basierende Diktatur. 572