Wirtschaft und Gesellschaft Sozialpartnerschaft Rezension von: Ferdinand Karlhofer, Emmerich Tälos (Hrsg.), Sozialpartner­ schaft - Österreichische und Europäische Perspektiven, Lit Verlag, Münster u. a. 2005, 2 1 7 Seiten, € 20,50; Heinz Kienzl, Sozialpartnerschaft gestern -heute -mor­ gen, ÖGB-Verlag, Wien 2005, 1 35 Seiten, € 2 1 . Nachdem die Österreichischen So­ zialpartner in den neunziger Jahren eine strategische Neuausrichtung vor­ genommen hatten, kam es zu Beginn des darauffolgenden Jahrzehntes zu einer massiven Änderung des Um­ feldes, hervorgerufen vor allem durch einen scharfen Kurswechsel der neu­ en ÖVP-FPÖ-Regierung und gefördert durch eine tief greifende Reform der Wirtschaftskammer, insbesondere per­ soneller Natur. Die Anfangszeit dieser Koalitionsregierung wurde geprägt von einem radikalen Wechsel vom traditio­ nellen Konsensklima hin zur Konfron­ tation. Karlhofer und Talos wollen in ihrem Buch untersuchen, ob tatsächlich ein Paradigmenwechsel vom Korparatis­ mus zum Lobbyismus im Gange ist, und zwar europaweit. Denn bislang war der Einsatz korporatistischer Ar­ rangements in Europa zyklischen Schwankungen unterworfen. ln den Nachkriegsjahren verbreiteten sie sich in einer Reihe (west-)europäischer Staaten, in den achtziger Jahren ver­ loren sie an Bedeutung und wurden vielfach totgesagt. Die neunziger Jah­ re waren durch eine bemerkenswerte Renaissance korporatistischer Arran­ gements in der EU geprägt, bevor im laufenden Jahrzehnt wieder eine Ge­ genbewegung beobachtbar wurde. 578 32. Jahrgang (2006), Heft 4 Weiters wird auch ein Vergleich der Tendenzen in den alten Mitgl iedstaa­ ten der EU-1 5 mit den Ländern der jüngsten Beitrittsrunde angestellt. Die beiden Herausgeber folgen dabei dem bewährten Konzept ihrer vorange­ gangenen Publikationen zum Thema Sozialpartnerschaft, eine Reihe von Beiträgen unterschiedlicher Autoren zu einzelnen Spezialaspekten zu prä­ sentieren. Im ersten Beitrag befasst sich Karl­ hofer mit der strategischen und orga­ nisatorischen Neuausrichtung der ös­ terreichischen Verbände in den beiden letzten Jahrzehnten. Beleuchtetwerden Kammerkrise und -reformen sowie der Wandel der Kammern von "Ämtern" zu serviceorientierten, mitgliedernäheren Organisationen. Internationale Trends wie Mitgl iederschwund und perma­ nente Reorganisation, zumeist mit ei­ ner Tendenz zu Zusammenlegungen, prägten den ÖGB. Der Bedarf nach weiteren Reformen ergab sich zuletzt neben den politischen auch aus wirt­ schaftlichen Gründen. Neue Weichen­ stellungen sind vom ÖGB-Kongress im Jänner 2007 zu erwarten. D ie Ansicht Karlhofers, dass d ie ln­ dustriellenvereinigung in den neun­ ziger Jahren die Landwirtschaftskam­ mer bereits als vierten Sozialpartner verdrängt habe, erscheint unplausibel. Die IV war durch die Wirtschaftskam­ mer immer in die Sozialpartnerschaft eingebunden, wenn auch n ie offiziell als eigener Trägerverband. Und die Landwirtschaftskammer erfüllte auch in Zeiten , wenn Themen auf der Ta­ gesordnung waren, bei welchen sie inhaltlich nicht viel e inzubringen hatte, eine wichtige Rolle als Vermittler zwi­ schen Arbeitgebern und Arbeitneh­ mern. Oft war es die Landwirtschafts­ kammer, die bei frostiger werdendem Gesprächsklima die Verbandsspitzen