Wirtschaft und Gesellschaft Europa und die Industrielle Revolution Rezension von: Felix Butschek, Industrialisierung. Ursachen, Verlauf, Konsequenzen, UTB Nr. 8338, Böhlau Verlag, Wien, und UTB, Stuttgart, 2006, 201 Seiten, € 20,50. Die für Anhänger des neoliberalen Paradigmas ernüchternde Tatsache, dass sich trotz einer unbezweifelbaren Liberalisierung der weltweiten Han­ delsströme und einer Intensivierung von Globalisierungsphänomenen in den letzten Jahrzehnten Disparitäten innerhalb der Weltwirtschaft grosso modo nicht nur nicht abgebaut, son­ dern eher vergrößert haben, hat das Interesse an den h istorischen Wurzeln wirtschaftl icher Ungleichheit neuer­ dings unzweifelhaft wieder geweckt. Nachdem neben anderen Eric Jones, David Landes und Michael Mitterauer große Entwürfe zum Thema in mo­ nographischer Form geliefert haben, liegt nun auch von Felix Butschek eine Studie vor, die offensichtlich so großes Interesse gefunden hat, dass sie nun­ mehr, einige Jahre nach Erscheinen der Erstauflage, in einer preisgünsti­ gen Taschenbuch-Version neu aufge­ legt wurde. Methodisch orientiert sich der Autor an dem von Douglass North in den Ge­ schichtswissenschaften popularisier­ ten Ansatz der "New lnstitutional Eco­ nomics". Wie seine Interpretation der Vorgeschichte der europäischen (und später nordamerikanischen) Hegemo­ nie zeigt, schließt dies durchaus auch die positive Bewertung mancher Be­ funde aus der "jüngeren historischen Schule" der deutschen Nationalöko­ nomie mit ein. Vertreter dieser Schule 592 32. Jahrgang (2006), Heft 4 waren es ja auch, die die Bedeutung von Institutionen wissenschaftsge­ schichtlich schon früh erkannt haben. Butschek folgt im Wesentlichen Werner Sombart, wenn er der Bewer­ tung der Arbeit in der christlichen Leh­ re zentrale Bedeutung einräumt. So gesehen stand das "ora et /abora" der Benediktiner am Beginn eines beispiel­ losen wirtschaftlichen Aufstiegs. Hin­ sichtlich des charakteristischen west­ lichen Individualismus geht Butschek sogar zeitlich noch weiter zurück. Die Genesis jenes Typus des individualisti­ schen, initiativen, selbstreflexiven und selbstbewussten kapitalistischen Un­ ternehmers lässt sich nach Butschek vom griechischen Stadtbürger über den Bürger Roms und der mittelalter­ lichen Stadt bis zum Verleger im proto­ industriellen Gewerbe und schließlich bis zum frühindustriellen U nternehmer verfolgen . Der Aufstieg dieses Typus konnte sich auf ein vergleichsweise hohes Maß an Rechtssicherheit in der europäischen Gesellschaft stützen. Dies entsprach eine der Institutionen, die Europa entscheidende Vorteile ge­ genüberden ursprünglich wirtschaftl ich und technisch überlegenen Kulturen in China, Indien und im arabischen Raum verschaffte. Mit dieser spezifischen Form unter­ nahmarischen Individualismus ver­ band sich seit dem Spätmittelalter ein Empirismus, der sich an der prak­ tischen Umsetzung von Innovationen orientierte, wenn er auch einen be­ stimmten, durch d ie Zunftorganisation und die Scholastik vorgegebenen Rah­ men nicht überschreiten durfte. Doch auch das änderte sich in der Renais­ sance. Die Wiederentdeckung des Rö­ mischen Rechts und die Ausweitung des Fernhandels - nicht zuletzt durch Fortschritte im Schiffbau und in der Mi­ litärtechnik begünstigt - verbreiterten