Wirtschaft und Gesellschaft 33. Jahrgang (2007), Heft 1 12 Siebzehn Jahre liegen zwischen der Publikation des ersten Bandes von Ro- bert Skidelskys großer Keynes-Biogra- phie im Jahre 1983 und dem krönenden dritten Band „Fighting for Britain“, der im Jahr 2000 erschienen ist. Nun hat der Professor für politische Ökonomie an der Universität Warwick sein monu- mentales, von der Kritik in den höchs- ten Tönen gepriesenes Werk nochmals überarbeitet und eine einbändige „Kurz- fassung“, vorgelegt, die immerhin auch 1.021 Seiten zählt. Und wieder regnet es Lob. Mark Archer nennt das Buch beispielsweise die „beste Biographie des 20. Jahrhunderts“, und William Keegan im „Observer“ freut sich, dass auch die gekürzte Version so brillant wie die Langfassung sei. Vorweg gesagt: Auch der hier tätige Rezensent schließt sich dem allgemei- nen Jubel an. Zugleich reizt es aber he- rauszufinden, wo das Geheimnis dieses ungeheuren Erfolges bei der Kritik, aber auch beim Publikum liegt. Die plausi- belste These lautet wohl: Das literarische Rendezvous von Keynes und Skidelsky ist ein Zusammentreffen zweier Men- schen, die enorme Sachkenntnis mit außergewöhnlicher Sprachmacht ver- binden. Bei beiden ist die Lust am glän- zenden, ja provokanten Bonmot ebenso ausgeprägt wie die Überzeugung, dass Argumente hieb- und stichfest sein oder wenigstens scheinen müssen. Der Keynes’sche Lebensweg nach Skidelsky wurde in „Wirtschaft und Ge- John Maynard Keynes Rezension von: Robert Skidelsky, John Maynard Keynes 13-1. Economist, Philosopher, Statesman, Pan Macmillan, London 200, 1.0 Seiten, broschiert, ? 20. sellschaft“ schon bis ins Jahr 1936 ge- würdigt. Deshalb sei hier vorwiegend auf das abschließende Lebensjahr- zehnt des großen Ökonomen Bezug genommen – ein Jahrzehnt enormer geistiger und administrativer Regsam- keit ungeachtet schwerer gesundheit- licher Gefährdungen, die letztlich auch zum Tode führten. Anfang 1936 befand sich John Maynard Keynes auf einem Höhepunkt seines Lebens: Seine bahn- brechende „General Theory“ erschien, und das von ihm geförderte und propa- gierte Cambridge Arts Theatre wurde eröffnet – mit Keynes’ Gattin Lydia in einer der ersten Produktionen als ge- feierte Nora in Ibsens „Puppenheim“. Skidelsky vermerkt dazu mit Bewun- derung, aber auch trockener Ironie: „Another of Keynes’ dreams come true, another archivement to be ticked off.“ Wir erfahren freilich, dass Keynes es sich nicht leicht machte. Er kümmerte sich selbst um die Qualität des Essens im Theaterrestaurant. Auf der ersten Seite dieses Abschnittes (S. 555) be- gegnet uns jedenfalls wieder Keynes in allen seinen Facetten: Theoretiker und Kulturmensch, Spekulant und Biblio- philer. Eine Seite weiter erscheint er als boshafter Beobachter, auch eine seiner lebenslangen Rollen (und eine die ihm nicht nur Freunde eingetragen hat). Keynes bemerkt am Dichter Wystan H. Auden dessen höchst ungepflegte Fin- gernägel und meint, mit ihnen „etwas Ungenügendes“ auch im Werk von Au- den verbinden zu können („Those horrid fingers cannot lie.“). 1937, im Frühjahr, begannen die schweren Herzprobleme des Öko- nomen. Dennoch rang sich der stets rastlos Tätige weiter ein ungeheures Arbeitspensum ab. Keynes betätigte sich höchst geschickt als „Impresario der Keynes’schen Revolution“ (so eine spitzzüngige Kapitelüberschrift Skidels-