34. Jahrgang (2008), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 299 Editorial Das Europäische System der Zentralbanken – Anmerkungen zu den ersten zehn Jahren Die dritte Stufe der Wirtschafts- und Währungsunion ist ein Meilen- stein der europäischen Integration. Angesichts des Verfalls des US- Dollar-Kurses und der derzeitigen weltwirtschaftlichen Ungleichgewich- te braucht es nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie die europäische Welt aussähe, befänden wir uns noch im Europäischen Währungssys- tem (EWS). Häufige Wechselkursveränderungen, welche durch diver- gierende Inflationsraten – mit „schleichenden“ Verzerrungen im bin- neneuropäischen Handel – immer wieder notwendig geworden waren, hatten zu abrupten Verzerrungen in die Gegenrichtung geführt, und das EWS konnte die spekulativen Attacken in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre nur mit sehr erweiterten Bandbreiten überleben. Eine Konstellation mit Zentralbanken unterschiedlicher Reputation und geld- politischer Ausrichtung, Inflations- und Wachstumsdifferenzialen zwi- schen den einzelnen Ländern, nervösen Finanzmärkten sowie einer mittlerweile um ein Vielfaches gestiegene Liquidität und Risikofreude würde die EWS-Krisen der Neunzigerjahre wahrscheinlich verblassen lassen – mit all ihren Auswirkungen auf Binnenhandel, Direktinvestitio- nen und Realwirtschaft. Erfreulich ist auch, in welche Richtung die beitretenden Währungen konvergiert haben. Vor dem Beginn der dritten Stufe war es keineswegs sicher, dass Inflation und vor allem die langfristigen Zinsen zum unteren Ende hin konvergieren würden. Dass dies gelang, hat freilich einerseits seinen Preis und ist andererseits wahrscheinlich allen drei makroöko- nomischen Akteuren gleichermaßen zuzuschreiben: Die Fiskalpolitik unterwarf sich strengen und diskussionswürdigen Regeln, die Lohn- politik musste sich angesichts des verschärften Standortwettbewerbs sehr schnell anpassen (auch wenn noch nicht alle in der Geldpolitik dies bemerkt haben dürften, weil sie von der Gefahr einer Preis-Lohn- Preisspirale oder – vornehmer – von Zweitrundeneffekten sprechen), und die EZB konnte – nicht nur was die Reputation betrifft – das Erbe der Bundesbank antreten. Aber – und das ist der entscheidende Unterschied zum alten, asym- metrischen und spekulationsanfälligen Währungssystem für die wäh- rungspolitische Integration – das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile. Denn die Eurozone ist keine kleine offene Volkswirtschaft. Die Geldpolitik hat damit auf der europäischen Ebene mehr Hand-