34. Jahrgang (2008), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 361 Marx begegnet Leontief Neuere Gesichtspunkte der Arbeitswertlehre Peter Fleissner 1. Einleitung Beinahe zwanzig Jahre nach der Implosion der sozialistischen Länder sollte es möglich sein, die verfeindeten ökonomischen Theorien des 20. Jahrhunderts von einer neutraleren Warte aus zu betrachten als im vori- gen Jahrhundert. Die als bürgerlich bezeichnete Grenznutzenschule und die Arbeitswerttheorie waren ideologisch stark aufgeladen. Der Diskurs zwischen ihnen fand – wenn überhaupt – nur höchst polemisch und unter wechselseitiger Verteufelung statt. Das weitgehende Fehlen einer sorg- fältigen und auf guten Argumenten beruhenden Auseinandersetzung ge- reichte beiden wissenschaftlichen Positionen zum Nachteil. Heute, wo die meisten Länder, die von einer kommunistischen Partei regiert werden, den Markt verstärkt nutzen, wie z. B. die Volksrepublik China und Vietnam, und wo auch in Kuba die Zeichen auf Veränderung stehen, ist es ange- bracht, die theoretischen Grundlagen der beiden Positionen erneut zu analysieren, das, was falsch ist, auszusondern, und brauchbare Elemente beider Konzepte zu nützen, um zu einem insgesamt besseren und tieferen Verständnis ökonomischer Zusammenhänge zu gelangen. Ein zweiter Grund drängt sich auf. Die vorliegende Arbeit möchte gegen das Vergessen anschreiben, gegen das Vergessen einer mit viel Enga- gement geführten Diskussion auf Seiten der Linken, die einen Zweifron- tenkrieg führte: Einerseits wollte sie alternative Welterklärung gegenüber dem an der Oberfläche der Erscheinungen angesiedelten wirtschafts- wissenschaftlichen mainstream sein, der das Weltganze in Subsysteme zerschnitt, die miteinander nichts zu tun hätten, andererseits musste sie listenreich innerhalb des Rahmens der häufig auf Parteiebene festge- schriebenen dogmatischen Verkrustungen überleben und der Erstarrung widerstehen. Marx’ Ausführungen im ersten Band des „Kapital“ zur Analyse der ka- pitalistischen Gesellschaftsformation, die von Ware und Geld ausgehen, sehen blass und abstrakt aus. Dennoch bieten sie viele Anknüpfungs- punkte für innovative Analysen, die der ökonomische mainstream nicht