34. Jahrgang (2008), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 413 BÜCHER Internationale Pragmatik gegen deutsche Dogmatik Rezension von: Ronald Schettkat, Jo- chen Langkau (Hrsg.) Aufschwung für Deutschland. Plädoyer international re- nommierter Ökonomen für eine bessere Wirtschaftspolitik, Verlag J.W.H. Dietz Nachf., Bonn 2007, 242 Seiten, € 16,80. Das Österreichische Institut für Wirt- schaftsforschung (WIFO) hat seit ei- nem Jahr die Gelegenheit, im Rahmen der Erstellung der Gemeinschaftsdiag- nose über die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland eng mit den führenden deutschen Wirtschafts- forschungsinstituten zusammenzuar- beiten. Dabei fällt aus österreichischer Sicht besonders auf, wie wenig prag- matisch und wie eng dogmatisch die Argumentationsführung der überwie- genden Mehrheit der Institute ist, ganz besonders wenn es um Fragen der Wirtschaftspolitik geht. Als weitgehend unbestritten gilt etwa, dass Mindestlöh- ne in jedem Fall Beschäftigung kosten und dem ökonomischen Sachverstand widersprechen, dass der Arbeitsmarkt weiter dereguliert werden soll und die Löhne in vielen Bereichen zu hoch sind, dass zusätzliche Staatsausga- ben etwa zur Stützung der Konjunktur bestenfalls wirkungslos, wahrschein- lich aber schädlich sind, Steuersen- kungen hingegen aus grundsätzlichen Erwägungen zu begrüßen sind, oder dass die Geldpolitik keine Effekte auf Wirtschaftswachstum und Beschäfti- gung hat. Diese hohe ideologische Überein- stimmung der deutschen Forschungs- institute kontrastiert in vielfältiger Wei- se mit den großen wirtschaftlichen Pro- blemen Deutschlands, die durch den von der Weltkonjunktur bestimmten Aufschwung der Jahre 2006 und 2007 nur kurzfristig in den Hintergrund tra- ten: stagnierende Löhne, schwaches Produktivitätswachstum, hohe Arbeits- losigkeit, zunehmende Ungleichheit, inferiorer Zustand der Infrastruktur und der öffentlichen Dienstleistungen. Zur Lösung dieser Probleme kann wohl nur eine pragmatisch ausgerichtete Wirtschaftsforschung beitragen, die in der Lage ist, unterschiedliche Ziele und Interessen abzuwägen und poli- tisch gangbare Lösungswege vorzu- zeichnen und somit der Überwindung des sturen Festhaltens an überkom- menen Dogmen verpflichtet ist. Ist dies nicht in Deutschland selbst möglich, so kann vielleicht der wissenschaftliche Blick von außen helfen. Der vorliegen- de Band liefert diese internationale Sichtweise, acht renommierte Ökono- minnen und Ökonomen überwiegend aus dem englischsprachigen Raum gehen den wirtschaftlichen Problemen Deutschlands auf die Spur und schla- gen pragmatische Lösungen vor. Robert Solow, MIT, der 1987 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Wachstumstheorie erhielt, beanstan- det in seinem Beitrag den „extrem und unnötig verengten Fokus der gegen- wärtigen Debatte (über makroökono- mische Politik)“ (S. 35) in Deutschland. Aufbauend auf dem Befund, dass eine ausschließliche Konzentration auf Re- formen des Arbeitsmarktes zu kurz greift, stellt Solow die Bedeutung des Unterschieds zwischen potenziellem