Wirtschaft und Gesellschaft 34. Jahrgang (2008), Heft 3 422 den Periode) ausreichend. Schließlich werden Marx’ Ausführungen im dritten Band des „Kapital“ zum Kreditsystem und dem Konjunkturzyklus zusam- mengefasst. Kapitel 6 und 7 bieten Anwendungen des Modells, die vor allem aus theo- riehistorischem Blickpunkt interessant sind. Kapitel 6 rekapituliert die Dispro- portionalitätskrise und Rosa Luxem- burgs Diskussion der Reproduktions- schemata, Kapitel 7 die Debatte um den tendenziellen Fall der Profitrate bei Otto Bauer und Hendryk Grossman. Das in den früheren Kapiteln entwi- ckelte Modell wird jeweils verwendet, um die unterschiedlichen Argumente zu illustrieren und mit der Annahme des kaleckianischen Prinzips zu kont- rastieren. Kapitel 8 („The transformation pro- blem“) lässt die Annahme der Gleich- heit von Werten und Preisen fallen und verwendet die als New Interpretation bekannt gewordene Interpretation des Verhältnisses von Werten und Prei- sen, um die früheren Ergebnisse zu reformulieren. Diese Interpretation be- stimmt den Wert der Ware Arbeitskraft nicht (wie Marx im ersten Band des „Kapital“) über den Wert der Waren im Konsumbündel, sondern über den Wert des Geldlohnes. Die Lohnquote (auf Preisebene) und die Mehrwertra- te (auf Wertebene) werden damit per Annahme gleichgesetzt. Die wesent- lichen Ergebnisse des Buchs werden durch die Transformation nicht verän- dert. Andrew Trigg hat ein bemerkswertes Buch vorgelegt. Mit gut hundert Seiten Text ist es knapp gehalten und lesbar geschrieben. Es richtet sich an ein Pub- likum, das mit den relevanten Debat- ten und mit Matrixalgebra vertraut ist. Es ist trotz umfangreicher Diskussion der Marx`schen Originaltexte (und der marxistischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts) angenehm frei von der selbstreferenziellen Exegese, die Tei- le der marxistischen Literatur kenn- zeichnet. Seine eigentlich Stärke liegt im Brückenbauen: Die Diskussion des Multiplikators schreitet souverän von Marx zu Keynes, Kalecki und Leontief. Die Kapitel über monetäre Zirkulation bieten Vergleiche zwischen Graziani und Nell. Gleichgewichtsbedingungen werden in Bezug auf Domar erläutert. Kurz: eine Diskussion Marx’scher Öko- nomie mit breitem Horizont. Mitunter mögen sich die LeserInnen fragen, warum so starker Bezug auf Marx genommen wird. Ließe sich nicht das Wesentliche des Buches auch einfach als kaleckianische Ökonomie in einem Zwei- oder Mehr-Sektoren- Modell genauso darstellen? Wohl ja. Trigg erklärt nicht explizit, warum er dies nicht tut. Vermutlich gibt es darauf zwei Antworten. Erstens spricht nichts gegen die Darstellung in einem marxis- tischen Rahmen. Theoriegeschichtlich war Marx schließlich der Pionier der Zwei-Sektoren-Analyse. Ein legitimes Unterfangen also. Zweitens baut Marx’ Analyse der Reproduktionsschemata auf seiner Analyse des Produktions- prozesses und des Lohnverhältnisses auf, auch wenn diese nicht Gegen- stand von Triggs Buch sind. Die zwei- te Antwort führt allerdings zu weiteren Fragen. Passt die kaleckianische Be- stimmung der Nachfrage so einfach zur Marx’schen Theorie der Mehrwert- produktion? Im ersten Band des „Kapi- tal“ beruht der Profit (auch quantitativ) auf der unbezahlten Mehrarbeit, die den ArbeiterInnen abgezwungen wird. Bei Kalecki wird der Profit durch die Ausgaben der Kapitalisten bestimmt. Passen diese Theorien so einfach zu- sammmen? Trigg diskutiert diese Fra- ge nicht.