34. Jahrgang (2008), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 435 Wie Geschichte nicht erzählt werden sollte Rezension von: Peter Berger, Kurze Geschichte Österreichs im 20. Jahrhun- dert, Facultas, Wien 2007, 456 Seiten, € 24,90. In der Tat sind „große Erzählungen“ der österreichischen Republikge- schichte relativ selten. Nach rund fünf- zig Jahren intensiver österreichischer Zeitgeschichtsforschung erscheint es denn durchaus legitim, ein entspre- chendes Unternehmen erneut anzu- gehen, wenngleich es sich mit dem 1995 von Ernst Hanisch vorgelegten „Langen Schatten des Staates“, mit der eine stilistisch pointiert verfasste, vorzügliche und diskutierenswerte In- terpretation des 20. Jahrhunderts in der Alpenrepublik vorgelegt wurde, zu messen hat. Während Hanisch nicht ganz zu Un- recht in den obrigkeitsstaatlichen „Tra- ditionen“ und in der damit zusammen- hängenden, den verschiedenen „Ob- rigkeiten“ (Regierung, Sozialpartner, Beamtenschaft) überlassenen politi- schen Regulierungskompetenz einen Wesenszug des österreichischen poli- tischen Systems erblickt, vermisst man im vorliegenden Werk eines an der WU lehrenden, in den Niederlanden geborenen Sozial- und Wirtschafts- historikers a priori jeglichen Erkennt- nis leitenden Ansatz. Erst nach und nach offenbart sich die klassisch libe- ralistische Sichtweise des Autors, die letztlich erst im „Resümee“ dezidiert (S. 417 ff) ausgeführt, wenn auch un- zureichend begründet wird. Woodrow Wilson als „Vater“ der „Leitbegriffe De- mokratie und Kapitalismus“ zu sehen, übersieht den prägenden Einfluss des Liberalismus des 19. Jahrhunderts auf die abendländische Kultur, Wirtschaft und Politik. Bezeichnenderweise wird denn auch der für eine Betrachtung der österreichischen Parteienlandschaft zwar „alte“ (1954 erschienene), aber noch immer unverzichtbare Beitrag von Adam Wandruszka nicht einmal im Literaturverzeichnis aufgeführt. Es mag ein interessantes Unter- fangen sein, die österreichische Ge- schichte unter dem Gesichtspunkt z. B. eines angelsächsischen Liberalismus zu betrachten, vorausgesetzt dieser wird – einem Vergleich der politischen Systeme entsprechend – einleitend besprochen und definiert. Doch auch dies vermeidet der Autor, der allein mit der schwammigen Begrifflichkeit von „Demokratie“ und „Liberalismus“ (was immer man darunter verstehen mag) in der österreichischen Republikge- schichte hausieren geht. Der Aufbau des immerhin rd. 450 Seiten starken Taschenbuches ist denn auch eine Mixtur aus ökonomi- schen und politischen Zäsuren, wobei letztere überwiegen: Ausgehend von der nicht näher begründeten „europäi- schen Anomalie“ 1898-1918 beschreibt der Autor den Zusammenbruch der Monarchie und den republikanischen „Neubeginn“ 1918 bis 1922, um an- schließend auf die „Aufbauarbeit auf schwankendem Grund“ 1922 bis 1930 einzugehen. Berger geißelt hierbei die vorerst ab- lehnende Position der Sozialdemokra- tie zur „Genfer Sanierung“, die er als notwendig ansieht, und beschränkt die Kritik in diesem Zusammenhang auf die Arbeit des Völkerbundkommissärs Alfred Zimmermann (S. 92). Im folgen- den Kapitel „Weltwirtschaftskrise und Agonie der Demokratie 1931-1933“ er- wähnt der Autor mit keinem Wort die unter Historikern einst heftig geführte