Wirtschaft und Gesellschaft 34. Jahrgang (2008), Heft 3 438 sämtliche Konfessionen diese strikte verbaten. Zwar bildeten sich allmählich gewisse Ausnahmen heraus, doch am Grundsatz wurde nicht gerüttelt. Aber wo bleibt in der ganzen Ge- schichte eigentlich der homo oecono- micus? Natürlich taucht er nirgendwo auf. Böhl behilft sich damit, dass der Gläubige durch entsprechendes Wohl- verhalten seinen religiösen Nutzen maximiere, er also als homo oecono- micus in spiritualibus zu betrachten sei und die katholische Lehre dem Entste- hen desselben damit zumindest nicht im Wege gestanden wäre. Die erste Hypothese scheint an den Haaren herbeigezogen. Denn dass gottgefälliges Verhalten im Jenseits belohnt werde, gilt wohl für sämtliche Glaubensgemeinschaften und hat mit rationaler Wahl zwischen Alternativen zum Zwecke der Nutzenmaximierung nichts zu tun. Und wenn jemand oder etwas eine Entwicklung nicht behin- dert, resultiert daraus noch kein Bei- trag zu deren Entstehung. Überhaupt bleibt das Forschungs- objekt dieser Arbeit unklar. Mag sein, dass die penible Darstellung der Inter- pretationen des Talentegleichnisses Theologen oder Philosophen einen Informationsgewinn vermittelt. Dem inhaltlich wie im Titel explizierten Ziel, den Einfluss des Christentums auf die Entstehung des homo oeconomicus und damit des Kapitalismus zu unter- suchen, wird die Arbeit in keiner Weise gerecht. Schon der Begriff des homo oecono- micus scheint für eine solche Analyse zu eng. Bei diesem handelt es sich ja – selbst in seiner restringierten Form – um ein ahistorisches Konstrukt, dem allenfalls für die gegenwärtige Indust- riegesellschaft einige Aussagekraft zukommt. Wesentlich für die bürgerli- chen Träger des Kapitalismus erwie- sen sich ja – wie eingangs erwähnt – auch ihr wissenschaftliches Interesse wie ihr Bürgersinn. Der durchaus relevante Einfluss der katholischen Kirche auf die Entstehung des Kapitalismus lief auf ganz anderen Schienen. Da ist zunächst die prinzi- pielle Trennung von Kirche und Staat („Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“), welche die Entstehung säkularer Gemeinwesen ermöglichte und damit eine theokrati- sche Erstarrung, wie im Islam, verhin- derte. Dazu kam das strikte christliche Ar- beitsethos, dass nicht nur die produk- tive Tätigkeit als gottgefällig betrach- tete, sondern auch darauf Wert legte, dass diese zweckmäßig und rational erfolge. Entscheidend erwies sich je- doch die Rolle der Kirche für die Ent- wicklung der Wissenschaft im Allge- meinen sowie der Naturwissenschaft im Besonderen. Das ging nicht nur auf die Gründung mittlerer Lehranstalten und die Förderung der Universitäten zurück, welche letztere sich einer im- mer stärkeren geistigen Unabhängig- keit erfreuten. Entscheidend für die Entwicklung voraussetzungsloser, em- pirischer Forschung erwies sich, dass innerhalb der Kirche, seit Anselm von Canterbury, die Vernunft zum Maß- stab der wissenschaftlichen – auch der theologischen – Analyse wurde. Diese Einstellung erreichte ihren mit- telalterlichen Höhepunkt in Thomas von Aquin und Albertus Magnus. Letz- terer definierte seine Position mit den Worten: „Wenn jemand den Einwand erhebt, dass Gott mit seinem Willen den Lauf der Natur zum Stillstand brin- gen kann ... dann antworte ich, dass ich mich um die Wunder Gottes nicht kümmere, wenn ich Naturwissenschaft betreibe.“ Das war keineswegs atheis- tisch gemeint, sondern sollte nur zum