Wirtschaft und Gesellschaft 35. Jahrgang (2009), Heft 4 622 Westen beachtet. Aus den acht Kapiteln des zweiten Teils und den sieben Kapiteln des drit- ten Teils, die allesamt sehr umfassend sind und jeweils unabhängig von al- len anderen gelesen werden können, ergibt sich ein mosaikartiges, facet- ten- und nuancenreiches Epochenbild des 19. Jahrhunderts. Jedes Kapitel enthält Begriffsbestimmungen, theo- retische Überlegungen und Typologi- en, welche die Einordnung der empi- rischen Befunde aus verschiedenen Weltregionen ermöglichen. Die Struk- turierung des Materials erfolgt ferner einerseits mittels zahlloser Vergleiche von Fällen in unterschiedlichen Län- dern, Weltregionen oder Kontinenten, andererseits durch die Untersuchung der stets dichter werdenden wechsel- seitigen Beziehungen zwischen Staa- ten, Wirtschaftsräumen und Kultu- ren. Osterhammel hütet sich vor allzu kühnen Generalisierungen, arbeitet Ähnlichkeiten ebenso wie Unterschie- de empirisch penibel wie theoretisch fundiert heraus, beschränkt sich nicht auf die Saldobetrachtung einer kultu- rellen oder wirtschaftlichen Relation, sondern sondiert jeweils die Ströme beider Richtungen. Wenngleich der Autor immer wieder nachweist, in welchem Ausmaß das 19. Jahrhundert ein europäisches war und wie stark Demonstrationseffekte wirkten (Nachahmung anleitend oder Ablehnung provozierend), so belegen seine Untersuchungen doch nach- drücklich, dass der Westen (Europa und Nordamerika) und die Übrigen nicht als Dichotomie zu beurteilen sind. Chi- na etwa war Europa in vielem voraus, fiel dann aber ab dem 18. Jahrhundert zurück. Überhaupt waren globale wirt- schaftliche Entwicklungsunterschiede um 1700 viel weniger ausgeprägt als zweihundert Jahre später. Das rand- offene, lange 19. Jahrhundert, eine Epoche zunehmender Verflechtung, war also auch eine Epoche, in der sich Entwicklungsunterschiede auftaten, Klüfte vertieften – nur auf den ersten Blick ein Paradoxon. Abschließend führt Osterhammel ei- nige weniger geläufige Aspekte an, mit denen sich das 19. Jahrhundert – ne- ben den bekannteren Haupttendenzen wie Industrialisierung, Urbanisierung, Nationalstaatsbildung, Kolonialismus, Imperialismus, Globalisierung – cha- rakterisieren lässt: 1.) Hohe Effizienzsteigerungen zeig- ten sich v. a. auf den Gebieten der menschlichen Arbeit, der Kriegsfüh- rung und des Staatsapparates. Die historisch bis dahin beispiellose Pro- duktivitätssteigerung menschlicher Ar- beit ging zum einen auf die Einführung und Verbreitung der industriellen Pro- duktionsweise (gekennzeichnet durch verfeinerte Arbeitsteilung und Spezi- alisierung, fabriksmäßige Organisati- on, Einsatz kohlegetriebener, später elektrischer Maschinen, ab Ende des 19. Jahrhunderts durch systematische Forschung und Entwicklung), zum anderen auf die Erschließung neuer Landreserven zurück. Die agrarischen Produkte dieser neu erschlossenen Gebiete flossen in den interkontinenta- len Handel ein. Die industriebasierten Transportinnovationen Dampfschiff und Eisenbahn ließen die Transport- kosten stark sinken und verliehen dem Handel weitere expansive Impulse. All diese Effizienzsteigerungen erfolgten räumlich uneinheitlich. 2.) Das 19. Jahrhundert war eine Epoche gesteigerter Mobilität. Die Massenmigration war zwischen 1870 und 1930 von einer vorher und nach- her unerreichten Intensität. Die Zirku- lation von Waren nahm sprunghaft zu. Ab etwa 1860 kann man von einem