35. Jahrgang (2009), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 623 Weltkapitalmarkt sprechen. Telegraf und später Telefon ließen die Informati- onsströme anschwellen. Und erstmals wurde Mobilität durch Infrastrukturen gestützt – vom Eisenbahnsystem über Reedereien bis zum Telefonnetz. 3.) Auch Ideen und kulturelle Inhal- te wurden im 19. Jahrhundert mobiler. Die Zunahme interkultureller Wahrneh- mungen und Transfers beruhte nicht zuletzt auf erhöhter menschlicher Mo- bilität, sinkenden Transportkosten von Gütern und Informationen sowie der Ausweitung medialer Transfermöglich- keiten. „Während ein sehr großer Teil der Weltbevölkerung nach wie vor von der Existenz fremder Länder gar nichts wusste oder nur die undeutlichsten Vorstellungen mit ihnen verband, be- obachteten die Bildungseliten die Au- ßenwelt stärker denn je.“ (S. 1292) An die Stelle einer Vielzahl modellhafter kultureller Zentren trat, darauf wurde schon hingewiesen, der Westen (Eu- ropa und Nordamerika) als weltweit maßstäbliche Referenzgröße. 4.) Der Ausbreitung der europäi- schen Verfassungsidee, der sukzes- siven Verwirklichung von Rechts- gleichheit durch Beseitigung von Diskriminierungen (Abschaffung der Sklaverei, Befreiung der Bauern von feudalen Lasten) und den oftmals von unten erkämpften Freiheitsgewinnen (soziale Emanzipation der Arbeiter- schaft) standen die Entstehung neuer internationaler Ungleichheiten (Koloni- alismus, Imperialismus) und die Aus- breitung des Rassismus gegenüber. Die Tendenz zur Rechtsgleichheit ging Hand in Hand mit dem Übergang zu einer sozialen Schichtung, in der die Stellung von Einzelnen und Famili- en in der sozialen Hierarchie weniger von der Herkunft und stärker von der Marktposition bestimmt war. Jürgen Osterhammel hat ein sowohl in qualitativer wie auch in quantitati- ver Hinsicht überaus eindrucksvolles Epochenporträt geschaffen, das neue Maßstäbe für die globale Geschichts- schreibung setzt. Das Werk vereint be- griffliche und analytische Genauigkeit mit dem Wissen um die Bedeutung der stupenden Vielfalt. Welch immenser Arbeitsaufwand mit diesem Buch ver- bunden war, das lässt das hundertsei- tige Literaturverzeichnis ahnen. Sehr bedauerlich ist, dass der Verlag auf die Ausstattung des Bandes mit Landkarten, Tabellen, Grafiken, Ab- bildungen und Fotografien völlig ver- zichtet hat. Wandel und weltregionale Vielfalt im 19. Jahrhundert ließen sich auch optisch gut belegen. Martin Mailberg