36. Jahrgang (2010), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft 147 chen Nachbarländern Östereichs jedoch deuten die Prognosen darauf hin, dass die Arbeitslosenzahlen in den nächsten Jahren stark anstei- gen werden. Mit Schubeffekten für Migration und Pendeln ist also sehr wohl zu rechnen. Auch wenn man von moderaten Zuwanderungszahlen ausgeht, was keineswegs sicher ist angesichts der Entwicklungen vor allem auch in den neuen EU-Ländern, welche zum Teil in einer empfindlichen Phase ihrer Entwicklungen von der Krise getroffen wurden, ist gegenüber dem Status quo mit merklich höheren Arbeitslosenzahlen zu rechnen, vor allem bei den Problemgruppen des Arbeitsmarktes. Der österreichische Arbeitsmarkt ist durch hohe Fluktuationsraten gekennzeichnet. Die Zahlen zu den Arbeitsplatzwechseln sowie zur Betroffenheit von Arbeitslosigkeit zeigen eine hohe Flexibilität sowohl des Beschäftigungssystems als auch der ArbeitnehmerInnen. Entge- gen manchen Bildern des österreichischen Arbeitsmarktes in den Me- dien (und in manchen Köpfen) sind die ArbeitnehmerInnen sehr wohl bereit, bei der Wahl des Arbeitsplatzes Zugeständnisse verschiedens- ter Art zu machen, und auch die Arbeitgeber verlangen in der Realität für eine Einstellung nicht den in jeder Hinsicht optimalen Bewerber. Das ist offensichtlich, denn sonst wären die gemessenen Fluktuationszah- len schlicht unmöglich. Außerdem zeigen die Erfahrungen, dass es bei einer ausreichend langen Hochkonjunktur immer wieder gelingen kann, auch die sogenannten Problemgruppen des Arbeitsmarktes in Beschäftigung zu bringen. Eine Ausweitung des Arbeitsangebotes wird unweigerlich dazu führen, dass die Ansprüche der Arbeitgeber an potenzielle Bewerber steigen. Das wird zunächst vielleicht nur wenige Berufsgruppen und Qualifika- tionen betreffen, aber im Lauf der Zeit wird sich dann das gestiegene Angebot im gesamten Arbeitsmarkt ausbreiten. Die Annahme, dass sich die Konkurrenz mit den zugewanderten oder einpendelnden Men- schen aus den neuen EU-Ländern auf wenige Qualifikationssegmente beschränken wird, stimmt somit günstigstenfalls in der Anfangsphase nach der Arbeitsmarktöffnung. Wenn man deren im Vergleich zu den bisherigen Zuwanderern deutlich höhere Qualifikation berücksichtigt, wahrscheinlich nicht einmal das. In der Wissenschaft wird vielfach ar- gumentiert, dass mit nahezu gar keinen Störungen auf den Arbeits- märkten zu rechnen sei, wenn die Qualifikationsstruktur der Zuwan- derer dieselbe sei wie die der Ansässigen. Dieses Argument blendet aber das Problem aus, dass es sowohl über- als auch unterqualifizier- te Beschäftigung in beträchtlichem Ausmaß gibt. Die eine Beschäfti- gungsform führt zur Vernichtung von Humankapital, und die andere ist latent bedroht. Durch Zuwanderung von Arbeitskräften werden neue Umschichtungen ausgelöst und die Fluktuationen weiter beschleunigt.