Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2 158 darstellungen ermöglicht. Pensionsfonds haben Spielkapital bereitgestellt. Und man wollte nicht wahrnehmen, dass Finanzmärkte anders funktionie- ren als Gütermärkte. Immerhin gab es im betrachteten Zeitraum mehrere größere Krisen, zunächst an der Peripherie, von Lateinamerika bis Ostasien; dann aber auch im Herzen des westlichen Systems. Erstens haben die Fusionen der Neunzigerjahre gezeigt, wie sich vereinzelt kurzfristig hohe Gewinne lukrieren lassen; aber letzten Endes landeten diese Projekte fast durch- wegs im Verlustsektor. Zweitens platzte nach der Jahrhundertwende die große IT-Blase, die dot.com-Krise brach aus. Als Drittes folgte der Immo- bilienboom, der seit 2007 Stück für Stück zusammengebrochen ist und zum Vorspiel und Auftakt der gegenwärtigen Wirtschaftskrise gehört. Das Paradigma einer endgültig beherrschbaren Ökonomie ist in den letzten Jahren zerbröselt. Nur die Politik muss aus Marketinggründen so tun, als hätte sie diese Prozesse im Griff. Der Mainstream der akademischen Ökonomie hat zu diesen Verände- rungen nicht viel zu sagen. Beschreibungen ökonomischer Rationalität und Berechenbarkeit kollidieren mit der Wahrnehmung manisch-depressi- ver Märkte und hasardierender Institutionen. Beschreibungen selbstregu- lierender Märkte kollidieren mit den Bildern ihrer erratischen Zuckungen. Beschreibungen der Verantwortlichkeit und Zurechenbarkeit ökonomi- scher Entscheidungen kollidieren mit einer Wirklichkeit, in der es nach der Wahrnehmung vieler Beobachter um die Privatisierung der Gewinne und die Sozialisierung der Verluste geht. Die Finanzwirtschaft hat sich offensichtlich von der Realwirtschaft ab- gelöst. Während die Performanz der Realwirtschaft, gemessen an Pro- duktivität und Profitrate, nicht allzu beeindruckend erschien, glaubte man, einen neuen ökonomischen Kontinent gefunden zu haben, auf dem sich ungeahnte Schätze heben ließen. An die Stelle des früheren Konjunktur- zyklus ist deshalb der Zyklus der Blasen, der „bubble cycle“, getreten. Es handelt sich um Märkte, die nicht, wie übliche Märkte, dem Gleichgewicht zustreben, sondern die systematisch Booms und Krisen produzieren. Sie funktionieren durch Blasen, und diese stellen ein neues Verteilungsspiel dar: Investoren glauben, nicht zu Unrecht, auf diese Weise mehr aus den Produktionsprozessen herausziehen zu können als durch die üblichen Geschäfte. Alle halten die Augen offen nach neuen gewinnträchtigen Booms, und wegen der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen werden diese auch stattfinden. Der „schwere“ Kapitalismus wurde nicht nur durch den „leichten“ Kapitalismus des Wissens und der Virtualität ersetzt, son- dern durch einen „federleichten“ Spekulationskapitalismus.24 Die Show geht weiter. Die Wirtschaftskrise war ein kurzer Dämpfer, mitt- lerweile ist die Wall Street zurück. Die jüngste Wanderung des Kapitals erfolgt möglicherweise zu den Rohstoffen, wo die nächste „Blase“ stattfin-