Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2 166 und arbeitsintensiven Tätigkeiten, durch die Konkurrenz der Endproduk- te und Vorprodukte aus Billiglohnländern, durch die Einwanderung von unqualifizierten Arbeitskräften. Wenn die „industrielle Reservearmee“ zu- nimmt, geraten die Löhne unter Druck. Aber auch viele Mittelschichtangehörige fühlen sich bedroht, weil das Normalarbeitsverhältnis und der Normallebenslauf Modelle geboten ha- ben, wie sich nach gültigen gesellschaftlichen Regeln und Konventionen ein anständiges Leben konzipieren ließ.51 Der Ausstieg aus diesen Re- gelsystemen wird nicht unbedingt als Befreiung empfunden, so wie dies bei vielen plakativ vorgeführten Angehörigen der Kreativbranchen oder IT-Spezialisten der Fall sein mag. Verunsicherung greift um sich, es lässt sich nicht erkennen, was eigentlich geschieht.52 Dass gerade in dieser Situation die herrschenden Schichten, insbe- sondere die Managerklasse, auch noch Hybris und Gier – gleichsam als „conspicuous greed“, als „demonstrative Gier“ (als Analogie zu Thorstein Veblens „conspicuous consumption“) – auf eine Weise ausspielen, als ob sie es darauf angelegt hätten, einen neuen Klassenkampf zu provozie- ren, ist umso verwunderlicher. Aber Aufsteiger, die sich durch nichts als durch ihr Geld definieren, haben das immer getan. Eigentlich waren schon beinahe alle überzeugt, dass die „Klassen“ abgeschafft wären, dass sich eine vielgestaltige Population in Lebensstile und Milieus auflöse – doch angesichts mancher Krisen und Skandale beginnt sich die Überzeugung zu verbreiten, dass man die „Klassenmodelle“ doch noch nicht archivieren sollte. Verschärft wird die Situation durch die schon angedeutete Diskreditie- rung der Normalität. Die Gewinner im Kasinokapitalismus sind immer nur ganz wenige, während fast alle in der enttäuschenden Normalität verblei- ben und sich als Verlierer fühlen dürfen. Deshalb wird nicht nur die Dis- krepanz für die „Unteren“ riesig, auch die „Mittleren“ fühlen sich als Opfer. Denn es geht um Gefühle und Selbsteinschätzungen,53 die der Sache erst Brisanz verleihen: Eine „gefühlte Unterschicht“ entsteht, die ein dichotomi- sches Gesellschaftsbild entwickelt und Ressentiments wachsen lässt. 6. Das Ende des generösen Staates 6.1 Das europäische Modell unter Druck Das europäische Modell – der „rheinische Kapitalismus“ – hat sich immer an der Balance zwischen einer Gewährleistung der Marktdynamik und der Sicherung der Menschenwürde versucht.54 Europa führt seine hohe Effi- zienz auf Sozialkapital zurück: auf die Grundlage einer gesicherten, men- schenwürdigen Gesellschaft, unter Einschluss von Sozialpolitik.55 Zur so- zialen Marktwirtschaft bekennt sich jeder, auch wenn es unterschiedliche