36. Jahrgang (2010), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft 169 berechtigt. Opfer- und Verelendungsgeschichten werden auch von den Massenmedien geschätzt. Das ist nur ein Teil ihres Wirklichkeitsverlustes. Denn die Jammerberichte gehen problemlos einher mit Berichten über neue Verkaufsrekorde im Weihnachtsgeschäft, und auch die Mitteilung, dass die Autoindustrie eines ihrer besten Jahre hinter sich gebracht hat, mildert die Verdrossenheit der Deprivilegierten nicht. Vielleicht strapaziert man die Metaphorik nicht allzu sehr, wenn man dem Verdacht nachgeht, dass sich die Staaten einem ziemlich ähnlichen Mechanismus anheimgeben wie die Finanzmärkte. Es sind ja nicht nur die nationalstaatlichen Budgets, die aus den Fugen geraten; vielmehr ist dies der Fall bei den österreichischen Bundesländern und vielen Gemeinden, wo in den nächsten Jahren nicht von einem Abbau, sondern von einer wahren Explosion der Budgets gesprochen wird. Diese Budgets konnten seit Jahren nur aufrechterhalten werden durch einen nur temporär mach- baren Politikmix: erstens Ausreizung der Verschuldungsgrenzen; zwei- tens Verkauf aller Vermögenbestände; drittens Bilanzmanipulation (etwa durch Verkauf von Vermögen an eine hauseigene Gesellschaft zugleich mit Haftungsübernahme). Die beiden letzten Strategien sind weitgehend ausgereizt, die erste explodiert angesichts erhöhter und steigender Anfor- derungen. Man kann, ganz im Vokabular der Wirtschaftskrise, auch sa- gen: Es baut sich eine unglaublich große „Blase“ auf, die sich von allen Realitäten löst. Es wäre eigenartig, wenn es für öffentliche Einrichtungen keinerlei Grenze der Verschuldung gäbe. Wenn dies aber doch der Fall sein sollte, haben wir ein „public bubble“, das irgendwann platzen, also an die Grenze der radikalen Kreditverweigerung stoßen wird. Griechenland zeigt, wie man das macht. 7. Das Ende des ressourcenintensiven Zeitalters 7.1 Jenseits des Ölzeitalters Im letzten halben Jahrhundert war das Wirtschaften einfach, denn man konnte aus dem Vollen schöpfen: genug Energie, genug andere Rohstof- fe, genug Natur als Ablagerungsraum für beliebige Emissionen. Seit Jahr- zehnten wissen wir, dass diese Epoche ihr Ende finden wird. Der Club of Rome hat in den 1970er-Jahren erstmals berechnet, was bis heute nicht widerlegt ist: dass es zwischen 2030 und 2050 „knapp“ werden würde – knapp an allem, weil Problemverschiebungen zwar möglich sind, aber letzten Endes keine stabile Entwicklung erlauben. Nun befinden wir uns am Gipfel („peak“) der Ölförderung oder schon darüber, und in drei Jahr- zehnten ist das Ölzeitalter vorbei. Der wichtigste Input für den Wirtschafts- prozess versiegt und der schädigende Output des Prozesses überschrei- tet Desasterschwellen. Es wird ein anderes System werden. Es ist nicht