Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2 232 ausgeprägten Pluralismus auszeich- net: 1.) Der 1990 gegründete, sozialde- mokratisch orientierte „Landesverband der Ungarischen Gewerkschaften“ (MSZOSZ) ist die größte Konfödera- tion im privatwirtschaftlichen Sektor. Sein Mitgliederstand beläuft sich auf rd. 205.000. 2.) Der „Bund Autonomer Gewerk- schaften“ (ASZSZ) wurde 1990 mit der Absicht ins Leben gerufen, gegenüber den parteinahen Konföderationen ein parteipolitisch neutrales Gegengewicht zu bilden. Stark vertreten ist der ca. 120.000 Mitglieder zählende „Bund“ in der Chemiebranche und im Bereich öffentlicher Dienstleister und Versor- gungsunternehmen (Bahn, Energie). 3.) Das „Gewerkschaftliche Koope- rationsforum“ (SZEF) konstituierte sich 1990 als Interessenvertretung der öffentlich Bediensteten und vermied es, sich in die Nähe einer Partei zu be- geben. Mit etwa 225.000 Mitgliedern ist es die größte der Gewerkschafts- konföderationen. 4.) Weiters formierte sich im öffent- lichen Sektor die „Gewerkschaftliche Vereinigung der Intelligenz“ (ÉSZT) als Vertretung der akademisch aus- gebildeten BeamtInnen und öffentlich Angestellten (ca. 85.000 Mitglieder). Die vier bislang angeführten Dach- verbände gingen aus der früheren kommunistischen Einheitsgewerk- schaft SZOT hervor, die sich Anfang 1990 auflöste. 5.) Im Dezember 1988 schlossen sich einige unabhängige Gewerk- schaften, die seit Mai 1988 entstanden waren, zur „Demokratischen Liga Un- abhängiger Gewerkschaften“ (LIGA) zusammen. Sie bildete damals einen Bestandteil der politischen Opposition und nahm als einzige Gewerkschafts- konföderation im Sommer 1989 an den Gesprächen am runden Tisch teil, bei denen es um den friedlichen System- wechsel ging und die zu den ersten freien Wahlen 1990 führten. Mit diesen verlor die LIGA ihre politische Rolle. Die zunächst enge Verbindung mit einer der Oppositionsparteien, dem linksliberalen „Bund Freier Demokra- ten“ (SZDSZ), löste sich bald auf. 6.) Ab 1988 bildeten sich „Arbeiter- räte“, welche an ihre Vorgänger wäh- rend des Volksaufstandes vom Herbst 1956 anknüpfen wollten. Im Februar 1990 entstand aus dieser Bewegung für Betriebe im Arbeitereigentum der „Landesverband der Arbeiterräte“ (MOSZ), der die Unterstützung der damals dominanten Oppositionspar- tei, des „Demokratischen Forums“ (MDF), genoss. Das Arbeiterselbst- verwaltungsprogramm hatte freilich im Zuge des Systemwechsels zum privat- wirtschaftlichen Kapitalismus nie eine Realisierungschance. 1993 erklärte sich der MOSZ als christlichsoziale Gewerkschaft und trat dem betreffen- den Weltverband bei. Mit etwa 50.000 Mitgliedern ist der MOSZ der kleinste repräsentative Dachverband.6 Die Zersplitterung der ungarischen Gewerkschaftsbewegung, die bis heu- te nicht durch Fusionen oder instituti- onalisierte Kooperation überwunden werden konnte,7 ist somit das Ergeb- nis des politischen Umbruchs Ende der 1980er- und Anfang der 1990er- Jahre, im Zuge dessen neue politische Parteien sowie neue Gewerkschaften entstanden, wobei sich letztere entwe- der mit einer der Parteien verbündeten oder sich parteipolitisch neutral dekla- rierten. Die wichtigsten Aufgabenfelder des Interessenabstimmungsrates sind die folgenden: 1.) Der OÉT dient als Plattform für Informationsaustausch und Konsul-