Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 2 278 Marx-Interpretation global Rezension von: Jan Hoff, Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965, Akademie- Verlag, Berlin 2009, 345 Seiten, € 49,80. In den letzten zwei Jahrzehnten hat eine enorme Umwälzung der Bedingun- gen für eine wirkliche Globalisierung der Marx’schen Theorie und der an sie anschließenden Diskussion stattgefun- den. Nach der „Wende“ von 1989/90 besserten sich die Möglichkeiten eines regen und offenen Gedankenaustau- sches von Wissenschaftlern aus Ost und West. Die zweite Marx-Engels- Gesamtausgabe (MEGA), einst ein Projekt von Parteiinstituten in Ostberlin und Moskau, wird seit den 90er-Jahren als ein stärker international ausgerich- tetes Editionsprojekt weitergeführt, das nicht nur auf hohem editionswis- senschaftlichen Niveau bisher kaum bekannte Quellen u. a. zur Marx’schen Ökonomiekritik erschließt, sondern sie verbindet auch die wissenschaftliche Arbeit zahlreicher Historiker, Sozial- und Politikwissenschaftler, Ökonomen und Editionswissenschaftler aus ver- schiedenen Ländern miteinander. Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine theoriegeschichtliche Arbeit, welche einige Aspekte des wei- ten und vielfältigen Feldes der inter- nationalen Theoriebildungsprozesse untersucht. Mit dieser Schwerpunkt- setzung auf die Zeit nach 1965 und mit der gleichzeitigen Fokussierung auf die spezifisch internationale und interkon- tinentale Dimension der theoretischen Entwicklungsprozesse schließt diese Arbeit – trotz der zahlreichen Ansätze zur Geschichtsschreibung des Marxis- mus – eine Forschungslücke. Im Anschluss an den Überblick über die Entwicklung der Rezeption der Marx’schen Ökonomiekritik in ver- schiedenen Weltregionen und an die thematischen Vertiefungen ergibt sich ein komplexes Geflecht internationaler Theoriebezüge, internationaler wis- senschaftlicher Zusammenarbeit, von Theorietransfer und in einzelnen Fällen sogar von theoretischer Schulenbil- dung über nationale und sprachliche Grenzen hinweg. Insgesamt ist festzu- halten, dass insbesondere in den 60er- und 70er-Jahren eine ebenso vielfäl- tige wie fruchtbare Beschäftigung mit der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie in zahlreichen Ländern un- geahnten Auftrieb erhielt. In Westdeutschland entstand Mitte der 60er-Jahre in Frankfurt/Main und etwas später in Westberlin eine intensi- ve Diskussion der Kritik der politischen Ökonomie, innerhalb der ab den spä- ten 60er-Jahren auch Interpretations- ansätze aus Ost- und Westeuropa be- rücksichtigt wurden, obwohl die durch Theoretiker wie Alfred Schmidt, Hans- Georg Backhaus, Helmut Reichelt, Hans-Jürgen Krahl, die Projektgruppe Entwicklung des Marx’schen Systems u. a. geprägte westdeutsche Debatte dominierte. Ein entscheidender Anstoß für die methodologische Diskussion kam aus dem deutschsprachigen Exil, von Roman Rosdolsky, der aufgrund seines Todes 1967 nicht mehr persön- lich an der Debatte teilnehmen konnte. Spätere Forschungen (Brentel, Beh- rens, Heinrich, Rakowitz) knüpften zu- mindest teilweise an die Marx-Lektüre von Backhaus und seinem Umfeld an. In jüngerer Vergangenheit fand die Auseinandersetzung mit der Althusser- Schule punktuell statt, die mit anderen Strömungen der Marx-Interpretation aus Westeuropa sowie mit entspre- chenden Theorieansätzen aus Osteu-