36. Jahrgang (2010), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft 291 Zu den zentralen historischen Vo- raussetzungen der Industriellen Revo- lution zählt die gesellschaftliche Hoch- schätzung der Arbeit. Diese war in den Hochkulturen der Vergangenheit ab- solut nicht gegeben. Als die den Ober- schichten angemessene Tätigkeit wur- den dort der Krieg, die Jagd und das Priesteramt betrachtet, die produktive Arbeit blieb – verachtete – Angelegen- heit der Unterschichten. Das galt auch und in besonderem Maße für die an- tiken Kulturen. Lediglich die „artes li- berales“, also Architektur, Medizin und Wissenschaft, galten als Tätigkeiten, welche Angehörigen der Oberschicht entsprachen. Diese Situation änderte sich grund- legend mit dem Aufkommen des Chris- tentums. Zwar stand der Begriff Arbeit zunächst im Zusammenhang mit einer Strafe: Gott lässt Adam für seinen Un- gehorsam damit büßen, dass dieser forthin „sein Brot im Schweiße seines Angesichts“ erarbeiten müsse. Eine solche Bewertung fand sich jedoch in der christlichen Theologie fast über- haupt nicht. In deren Rahmen wurde die Arbeit durchwegs positiv einge- schätzt, und zwar jegliche. Die Diskus- sion setzt explizit sämtliche Arten von Arbeit in ihrem Wert gleich. Immer wie- der wurde die Tätigkeit des Landwirts in ihrer Bedeutung hervorgehoben. Selbstverständlich wurde die Arbeit kirchlicherseits in erster Linie religiös konnotiert. So sahen viele Theolo- gen ihren Wert darin, dass mit ihr der Christentum und Arbeit Rezension von: Verena Postel, Arbeit und Willensfreiheit im Mittelalter, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2009, 189 Seiten, broschiert, € 39. Schöpfungsauftrag Gottes realisiert werde, doch gewinne sie für den Men- schen auch dadurch an Bedeutung, als sie ihm die Möglichkeit eines sinn- vollen und gottgefälligen Lebens sowie die Entfaltung der ihm verliehenen Ta- lente ermögliche, sie sei damit sogar als Gnade Gottes zu betrachten. Auch wurde durchaus der ökonomische As- pekt gesehen, nämlich die Funktion der Arbeit als Sicherung des Lebens- unterhaltes und sohin auch ihr Beitrag zum Wohle der Gemeinschaft. Diese Sichtweise beschränkte sich keines- wegs darauf, die Arbeit gesellschaftlich anzuerkennen, sondern diese wurde häufig kategorisch gefordert – Müßig- gang sei verdammenswert. Manche Theologen vertraten die Auffassung, dass sich am Resultat der Arbeit die Auserwähltheit des Men- schen ablesen lasse, was vor allem für den Calvinismus galt. Zwar sei es dem Menschen nicht möglich, durch Arbeit und gute Werke die Gnade Gottes zu erlangen, denn diese liege ausschließ- lich in der autonomen Entscheidung des Herrn, aber sein Urteil lasse sich am Resultat der Arbeit, also am Wohl- stand erkennen. In dem dadurch kre- ierten Lebensstil sah Max Weber das wesentliche Element der Entstehung des Kapitalismus. Dieser Ansatz lässt sich aber viel weiter zurückverfolgen und findet sei- nen Ausdruck eben in der grundlegen- den Diskussion, ob der Mensch durch Arbeit, sozusagen als gutes Werk, die Gnade Gottes erringen könne oder nicht, in welchem letzteren Fall diese, mit ihren guten Eigenschaften für den Menschen, Resultat dieser Gnade sei. Verena Postel hat es nun unternom- men, die Positionen der wichtigsten christlichen Theologen des Mittelalters darzulegen, wobei sie in der Spätan- tike mit Augustinus und Ambrosius