36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 453 Finanzialisierung und Investitionsverhalten von Industrie-Aktiengesellschaften in Österreich Predrag C´etkovic´, Engelbert Stockhammer 1. Einleitung Der Begriff Finanzialisierung beschreibt die gestiegene Bedeutung der Finanzmärkte seit den 1980er-Jahren. Er umfasst Phänomene wie die Deregulierung der Finanzmärkte und die Liberalisierung der interna- tionalen Kapitalströme, zunehmende Instabilität auf Finanzmärkten und häufige Finanzkrisen, die Zunahme der Haushaltsverschuldung, die ge- stiegenen Finanzinvestitionen bzw. die gestiegenen Einkommen aus sol- chen Investitionen, den gestiegenen Einfluss institutioneller Investoren und auch strukturelle Veränderungen im Finanzsektor.1 Der Begriff wird auch verwendet, um die zunehmende Shareholder Value-Orientierung von Unternehmen des Nicht-Finanzsektors auszudrücken. Darunter wird verstanden, dass die Nicht-Finanzunternehmen sich zunehmend am Ziel der (kurzfristigen) Profitmaximierung und steigender Aktienkurse orientie- ren und einen wachsenden Anteil der Profite als Dividenden ausschütten. Dieser Artikel untersucht die Effekte der Finanzialisierung auf das Investi- tionsverhalten österreichischer Aktiengesellschaften der Sachgütererzeu- gung.2 Er baut dabei auf verschiedene Beiträge der postkeynesianischen Theorie auf.3 Diese zeigt zwei Kanäle, durch die die Finanzialisierung negative Effekte auf die Investitionstätigkeit von Industrieunternehmen hat. Erstens kann die steigende Aktivität von Industrieunternehmen auf Finanzmärkten mit einer Veränderung von Managementprioritäten ein- hergehen; zweitens stehen durch die steigende Dividendenausschüttung weniger Mittel für Investitionen zur Verfügung. Beide Hypothesen werden ökonometrisch anhand der Statistik der Aktiengesellschaften der Statistik Austria im Rahmen einer Panel-Daten-Analyse für den Zeitraum 1996- 2006 überprüft. Die Untersuchung betritt damit in mehrfacher Hinsicht Neuland. Die Dis- kussion um die Finanzialisierung hat sich vor allem mit den Entwicklun- gen in den USA und in Großbritannien beschäftigt.4 Für Kontinentaleuropa liegen vergleichsweise wenige Arbeiten vor. Diese deuten vor allem für