36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 455 lung ist dabei stark stilisiert und bezieht sich häufig auf die Erfahrungen der angelsächsischen Länder. Untersuchungen zur Shareholder Value- Orientierung in Österreich stehen noch aus. Ausgangspunkt für die Analyse der Veränderungen im Investitionsver- halten von Nicht-Finanzunternehmen ist die Trennung von Eigentum und Kontrolle dieser Firmen. Diese geht auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Zu dieser Zeit wurde es in vielen Ländern für kleine Familienunterneh- men in zunehmendem Ausmaß schwieriger, den erhöhten Kapitalbedarf bereitzustellen, der durch die fortschreitenden technischen Innovationen gefordert wurde. Eine Welle von Fusionen führte dann zu größeren Unter- nehmen bzw. Kapitalgesellschaften, und die Kontrolle der Firmen wurde in der Folge an bezahlte ManagerInnen delegiert.10 Das Eigentum an den großen Kapitalgesellschaften wurde dann in Form von Aktien verbrieft, die den EigentümerInnen das Recht einräumten, an den Profiten der Un- ternehmen teilzuhaben. Das Unternehmens-Management befasste sich somit mit den alltäglichen Entscheidungen, die in einer Firma getroffen werden müssen. Demgegenüber griffen die EigentümerInnen der Firmen nicht regelmäßig in die Unternehmensführung ein, sondern lieferten ihren Beitrag dazu nur im Rahmen von periodischen Generalversammlungen. Das Management hat eine ambivalente Klassenposition: Einerseits lei- tet es das Unternehmen, übernimmt also die Kontroll- und Machtfunktio- nen des Kapitals im Produktionsprozess, andererseits hat es selbst kaum Eigentum an Produktionsmitteln. Wright (1985) spricht daher von einer neuen Mittelklasse. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg unterschie- den sich die Ziele des Managements bei großen Kapitalgesellschaften oft von denen der EigentümerInnen. Während sich das Management stark auf das Wachstum der Firma oder auf höhere Marktanteile konzentrierte, waren die Eigentümerinnen und Eigentümer vor allem an hohen Dividen- den und der Aktienkursentwicklung interessiert. Darüberhinaus hatten im Sozialpakt der Nachkriegszeit verschiedene Stakeholder, vor allem Ge- werkschaften, Mitspracherechte, die einer engen Profitorientierung entge- genwirkten. Stockhammer (2004) argumentiert, dass die Wachstumsori- entierung, die aus dem relativ autonomen Management und den starken Stakeholder-Einfluss resultierte, zu den hohen Wachstumsraten der Real- investitionen in der Nachkriegszeit beitrugen. Durch die Deregulierung der Finanzmärkte kam es Anfang der 1980er- Jahre (in den angelsächsischen Ländern) zur Shareholder Revolution, die, so die These, auch das Investitionsverhalten der Nicht-Finanzunter- nehmen spürbar veränderte.11 Die Entwicklung von junk bonds erlaubte feindliche Firmenübernahmen. Dadurch entstand ein Markt für Unterneh- menskontrolle, der den Austausch missliebigen Managements durch akti- vistische Großaktionäre erlaubt. Die Entlohnungsschemata des Manage- ments wurden geändert, um, nicht zuletzt durch Aktienpakete als Teil der