36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 527 hat die Transformationspolitik kein tragfähiges produktives Modell her- vorgebracht. Auch Ökonomen der EZB (2010, S. 104 f.) und des IWF50 gestehen retrospektiv die besondere Krisenanfälligkeit des finanzgetrie- benen Wachstumsmodells ein und raten mehr oder weniger deutlich von dessen Fortsetzung ab. Das primär exportgetriebene Modell ist ebenfalls an erkennbare Grenzen gestoßen. Von der westeuropäischen Wirtschaft dürften angesichts der sich in der EU verallgemeinernden prozyklischen Politik und der teils beträchtlichen Überkapazitäten auf absehbare Zeit keine starken Impulse ausgehen. Die beträchtliche Abhängigkeit der Bin- nennachfrage von der Expansion der privaten Kredite (statt von ausrei- chenden laufenden Einkommen), die auf finanzgetriebene Elemente auch dieses Wachstumsmodells verweist, ist als Achillesferse des Modells zu werten. 3. Wirtschaftspolitische Reaktionen auf die Krise Die Reaktionen auf die Verschärfung der internationalen Wirtschaftskri- se im Herbst 2008 erfolgten zunächst auf der nationalstaatlichen und erst dann auf der EU-Ebene. Der wegweisende Beschluss zur Stabilisierung der Banken wurde im Oktober 2008 zunächst in der Euro-Gruppe gefasst und damit weitgehend ohne Beteiligung der osteuropäischen Länder. Den Spezifika der Krise in einem Großteil der osteuropäischen Länder trug dieser Beschluss nicht Rechnung, da er auf die Problematik hoher Devi- senverschuldung bei Inlandskrediten nicht einging.51 In einer solchen Kon- stellation können die Zentralbanken das nationale Bankensystem nicht wirksam als Lender of Last Resort stützen, denn hierfür wären Finanz- spritzen in Fremdwährung erforderlich. Der nationalstaatliche Handlungs- spielraum ist damit deutlich eingeschränkt. Erst mit mehrwöchiger Verzögerung wurde der Topf für Stützungskre- dite für EU-Mitgliedsländer außerhalb der Euro-Zone aufgestockt – zu- nächst von 12 auf 25 Mrd. Euro im November 2008, dann auf 50 Mrd. Euro im März 2009. Gleichzeitig verschärfte die EU die Konditionalität für die Inanspruchnahme dieses Fonds.52 Später folgten weitere Aufstockungen. Für die relativ späte Reaktion der EU auf die Sondersituation in Osteuropa, speziell in den Länder mit dem finanzgetriebenen Wachstumsmodell, dürf- ten verschiedene Gründe eine Rolle gespielt haben: Generell zeigte sich die deutsche Bundesregierung gegenüber fiskalpolitischen Initiativen und lange auch bei grenzüberschreitenden Stützungsmaßnahmen für Banken zurückhaltend bis ablehnend.53 Selbst als das Euro-Land Griechenland mit massiven Problemen bei der Kreditaufnahme konfrontiert war, dauerte es noch Wochen, bis sich die deutsche Bundesregierung zu Stützungsmaß- nahmen durchrang. Hierbei waren deutsche Banken sowohl in Griechen- land als auch in anderen potenziell gefährdeten Ländern in Südeuropa