36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 565 staatlicher noch in politischer Hinsicht voll erfüllt, doch ist offensichtlich der ökonomische Freiraum genügend groß, damit sich die Initiative sowie der notorische Fleiß der Chinesen entfal- ten konnten. Natürlich imponiert die Wirtschafts- macht dieses Landes vorerst durch seine schiere Größe. Doch liegt sein Pro-Kopf-Einkommen noch etwa bei einem Zehntel des österreichischen. Aber sicherlich wird durch diese Ent- wicklung die weltpolitische Szenerie verändert. Was damit gesagt sein soll ist, dass die chinesische Entwicklung keines- wegs einen Bruch repräsentiert, son- dern eben die konsequente Fortset- zung eines Prozesses, welcher vor über 200 Jahren eingesetzt hat. Und wenn man sehr weit in die Zukunft blicken will, kann man sagen, einmal wird die Welt ein ähnlich gleichartiges Produktions- und Leistungsniveau er- reicht haben wie vor der Industriellen Revolution – nur auf sehr viel höherer Ebene! Handel und Investitionen Doch Prischings Befürchtungen be- schränken sich keineswegs auf die Veränderungen im internationalen Machtgefüge, sondern auch auf sehr konkrete ökonomische Aspekte. So meint er, dass die wachsende ökono- mische Potenz der Schwellenländer zu einem immer stärker werdenden Abwanderungsprozess der Betriebe aus den europäischen Industriestaa- ten und damit allmählich zu einer Ein- schränkung ihrer Wirtschaftsleistung führen könnte. Das ist freilich eine sehr alte Ge- schichte. Schon in den Sechzigerjah- ren begannen manche Industrien in die damaligen Schwellenländer (Spanien) abzuwandern – ein Prozess, welcher sich ungebrochen über die folgenden Jahrzehnte fortsetzte. Hier lässt sich sogar ein gewisses Schema feststel- len. Die Industrialisierung der asiati- schen Schwellenländer setzte mit aus- ländischen Investitionen in Textilien, Bekleidung, Schuhen, Plastik und ein- facher Elektronik ein. Heute beliefern uns diese Länder mit hervorragen- den technischen Geräten und Autos. Der einstmals größte österreichische Industriezweig, die Textilerzeugung, existiert daher heute nicht mehr. Es ist schwer zu erkennen, welche Nachtei- le dadurch der heimischen Wirtschaft erwachsen sein sollten. Ähnliche Be- fürchtungen waren gegenüber dem starken österreichischen Engagement in Ostmitteleuropa vorgebracht wor- den. Sie erwiesen sich ebenfalls als unbegründet. Sicherlich hat Prisching Recht, wenn er auf die wachsende Qualifikation der Arbeitskräfte in den Schwellenländern und deren zunehmendes technisches Wissen hinweist. Doch geht mit die- sem Prozess auch ein steigendes Lohnniveau einher, welches den An- reiz zur Abwanderung von Betrieben reduziert. Hervorragende technische Qualifikation, wie sie Japan entwickel- te, zeitigte keinerlei Nachteile für die westlichen Volkswirtschaften – außer entsprechendem Anpassungsbedarf. Aber Prisching glaubt eigentlich auch nicht an die von ihm skizzierten Gefahren, denn in den Fußnoten zu seinem Text erläutert er luzid, warum dem nicht so ist. Ich zitiere: „Die globale Verflechtung bedeu- tet – im Sinne der „neuen Außenwirt- schaftstheorie“ – nicht, dass der inter- nationale Handel zurückgeht, weil oder wenn alle Länder dasselbe produzie- ren; ganz im Gegenteil: Der größte Teil des internationalen Handels findet zwi-