Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 4 570 berater in strategischen Bereichen. Neben journalistischer Tätigkeit (ins- besondere für die „Times“ und den „Observer“) war er nach Ende des Kriegs unter anderem als Economic Adviser bei den Alliierten Militärbehör- den beschäftigt, war maßgeblich am Wiederaufbau des deutschen Kohle- bergbaus beteiligt, war von 1950 bis 1970 Berater und Planungschef des einflussreichen britischen „National Coal Board“ und daneben fallweise Berater in Burma, Indien und anderen Entwicklungsländern, schrieb zahlrei- che Bücher und Aufsätze und war ein gesuchter Vortragender. Als er 1977 starb, erschienen in der „Times“ drei Nachrufe, und beim Requiem in West- minster waren Kardinal Hume sowie die geistige und wirtschaftliche Promi- nenz anwesend. „Small Is Beautiful“, das Buch, das Schumacher weltweit bekannt machte, spielt deshalb eine besondere Rolle, weil in ihm seine verschiedenen über zahlreiche Aufsätze und Vorträge ver- streuten Ideen und Reformvorschläge in einem zusammenhängenden Gan- zen zusammengefasst sind. Der Titel „Small Is Beautiful“ ist – wie wir spä- ter noch sehen werden – eigentlich irreführend. Schumacher ist nicht der (unsinnigen) Meinung, dass Kleinheit als solche immer wünschenswert ist und ästhetische Qualitäten besitzt. Es ging ihm – unter anderem – nur da- rum, eine Gegenmeinung zu der ver- breiteten Meinung „Bigger is better“ zu präsentieren. Das ist nur ein klei- ner Teil des Buches, dessen Ziel viel besser durch den Untertitel (A Study of Economics as if People Mattered) charakterisiert ist. Aber wenn es rich- tig ist, dass ein guter Buchtitel für den Verkauf eines Buches eine nicht un- wichtige Rolle spielt, dann war der Titel „Small Is Beautiful“, der bald ein ver- breiteter Slogan wurde, zweifellos eine wichtige Hilfe für die rasche Aufnahme des Buches. Etwas ausführlicher als der Untertitel fasst eine Passage aus einem Vortrag Schumachers, den er am Vortag seines Todes hielt, sein Grundanliegen zusammen. Dort hieß es: „Wir betrachten gegenwärtig die Ökonomie nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt des Menschen. Wir betrachten sie in erster Linie un- ter dem Gesichtspunkt der Produktion von Gütern. Sie sind ein Produktions- mittel. Dies ist die Art Industrie, die wir in die Entwicklungsländer bringen. Im Grunde unseres Herzens wissen wir, dass diese Art von Industrie keine Zukunft hat. Die Natur ist ihr nicht ge- wachsen, die Rohstoffvorräte sind ihr nicht gewachsen, der Mensch ist ihr nicht gewachsen.“ Bei einer Lektüre von „Small Is Beau- tiful“, die auch heute noch anregend ist, darf nicht vergessen werden, dass vieles, was von Schumacher betont und kritisiert wird, heute bereits in eine breite Diskussion eingebettet ist, zur Zeit der Veröffentlichung des Buches aber noch kaum beachtet oder als we- nig relevant betrachtet wurde. Das gilt besonders für das Thema des Einfüh- rungskapitels, das mit einem Pauken- schlag eröffnet wird: „Es ist einer der verhängnisvollsten Irrtümer unserer Zeit zu glauben, das Problem der Pro- duktion sei gelöst“ (11).5 Produktion, so wird grundsätzlich angenommen, könne durch Entwicklung und Weiter- gabe technischen Wissens ständig erhalten und erweitert werden. Dabei sieht sich der moderne Mensch aber nicht als Teil der Natur, sondern als ihr Beherrscher. Aber wenn wir einen „Kampf“ gegen die Natur führen, dann würde Sieg Untergang bedeuten. Der große Irrtum besteht darin, nur selbst- geschaffenes Kapital in Rechnung zu