Wirtschaft und Gesellschaft 36. Jahrgang (2010), Heft 4 600 Kritik am Individualisierungs- wahn Rezension von: Manfred Prisching, Das Selbst. Die Maske. Der Bluff. Über die Inszenierung der eigenen Person, Molden Verlag, Wien 2009, 224 Seiten, gebunden, € 19,95. I. Das Glaubensbekenntnis unseres Zeitalters ist das „Credo des euphori- schen Individualismus“, das die Bin- dungslosigkeit und Bindungsunfä- higkeit narzisstischer Individuen als Flexibilität verkauft und die Entfernung von Familien, Freunden und Nachbar- schaften als Sieg der Mobilität feiert. Es ist eine Gesellschaft, in der der Kon- sum von Waren als Identitätsmerkmal herhalten muss und die Arbeit als Pro- jekt vergeben wird, eine Gesellschaft, die als „Erlebnisgesellschaft“ beschrie- ben wurde, in der Großereignisse und Massenveranstaltungen Ersatz für das individuelle Erleben wurden. Manfred Prisching erklärt die Bot- schaft von der umfassenden Indivi- dualisierung, wie sie von allen Seiten verkündet wird, für „übertrieben“ und verweist – ein echter Spielverderber – auf die Schattenseite: In der For- schung wird die Besonderheit der Indi- viduen nämlich schon lange reduziert auf ihre Zugehörigkeit zu einem Typus und zu einem Milieu, das sehr differen- ziert nach Vermarktungsmöglichkei- ten analysiert und beschrieben wird. „Die Gegenwartsgesellschaft schafft es hervorragend, den Menschen trotz aller Individualisierungsbegeisterung die gängigen Verhaltensmuster so ein- zubläuen, dass sie norm- und markt- gerechtes Verhalten geradezu als Ausdruck ihrer Einmaligkeit und Spon- tanität verstehen“. In einer Massen- gesellschaft, deren Funktionieren die Berechenbarkeit jedes Einzelnen vo- raussetzt, ist dies zweifellos die wahre Kunst, die Menschen „auf der Spur zu halten und ihnen die integrationsnot- wendige Anpassung in einer solchen Form als Selbstentfaltung ihrer Indivi- dualität zu verkaufen“. Das Ich, das für so individuell ge- halten wird, bedarf in Wirklichkeit der Ich-Berater, der Psychologen und Be- treuer, um die Kanten und Ecken ab- zuschleifen und die Maske zu perfek- tionieren, bis sie die „marktgängige Identität“ erreicht, die dann für die ei- gene Persönlichkeit gehalten wird und die erst den Bluff ermöglicht, von dem Prisching in diesem anspielungs- und materialreichen, anregenden Buch be- richtet: Schönheitswahn, Jugendwahn, permanente Verfügbarkeit im Beruf, Entprivatisierung des Geschäftlichen und Vergeschäftlichung des privaten Alltags. Prisching beschreibt den „fle- xiblen Menschen“, der nach Richard Sennett gar keine sinnvolle Identität mehr entwickeln kann, sondern nur noch vorspielen. Denn die Identität, die da vorgespiegelt wird, ist eine falsche, eine vom Markt gelieferte, das ist die Erkenntnis, die das Buch vermittelt. Sind es also tatsächlich narzissti- sche Ich-Monster, die es „für selbst- verständlich halten, dass sie zu allem berechtigt sind, dass die Optionen dieser Welt für sie da sind, dass sie selbstständige, authentische und un- verwechselbare Individuen sind, und dass die Umwelt ihre Außerordentlich- keit anerkennt, und honoriert“? Das scheint nun wieder bei Prisching eine Übertreibung, denn die abgrundtiefe Überzeugung, dass die Umwelt einem etwas schuldet, ist noch immer das ex- klusive Sozialisationskriterium der ge-