36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 607 (K)eine Technikgeschichte Rezension von: Wolfgang König, Tech- nikgeschichte. Eine Einführung in ihre Konzepte und Forschungsergebnisse, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2009, 264 Seiten, € 21. Die Technik repräsentiert ein zent- rales Element der menschlichen Existenz. Sie reicht von den primiti- ven Werkzeugen der Steinzeit bis zur hochkomplizierten Datenverarbeitung der Gegenwart. Die Etablierung als eigener Wissenszweig erfolgte relativ spät. Nach praxisorientierten Ansät- zen im frühen 19. Jahrhundert erfolgte die theoretische Durchdringung erst gegen Ende dieser Periode. Freilich fanden und finden sich viele techni- sche Aspekte in zahlreichen anderen Bereichen, vor allem in den Sozialwis- senschaften. Die Technikgeschichte selbst begann mit den frühen Aufklärern Ende des 18. Jahrhunderts, die in der Technik ja ein Element des menschlichen Fortschritts sahen. Ähnliche Motive prägten den Kameralismus. Nachhaltig setzte die Entwicklung um die Wende zum 20. Jahrhundert ein. Technische Museen entstanden – so auch das Technische Museum Wien im Jahre 1918. Aller- dings lag das Schwergewicht lange Zeit bei der technischen Entwicklung im engeren Sinne. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde die Technikgeschichte von Historikern auf eine breitere sozio- ökonomische Basis gestellt. Die Technikgeschichte kennt zahlrei- che unterschiedliche theoretische An- sätze, welche nicht notwendig überein- stimmen, einander unter Umständen sogar widersprechen, wie etwa die Hy- pothese vom „Technikdeterminismus“ und der „Sozialen Konstruktion der Technik“. Einen Teil ihrer theoretischen Konzepte übernimmt die Technik aus anderen Wissenschaften, insbeson- ders auch aus der Nationalökonomie. Dazu zählen die Begriffe der „Innova- tion“ und der „Innovationssysteme“, aber auch der „Pfadabhängigkeit“ aus der Neuen Institutionenökonomie. Daneben tauchen auch Begriffe wie Fortschritt und Modernisierung oder Revolution und Evolution auf. König präsentiert die theoretische Diskussion im Detail unter Verweis auf sämtliche daran beteiligten Autoren und evaluiert sie auch. Er sieht jedoch bewusst da- von ab, ein Resümee aus dieser Dar- stellung zu ziehen und eine eigene, konsistente Theorie zu formulieren. Die Industrielle Revolution Im Sinne einer in die sozio-ökono- mische Entwicklung eingebetteten Darstellung präsentiert der Autor die materielle technische Entwicklung seit der Industriellen Revolution. Da- her geht er zunächst den Ursachen dieses Prozesses in England nach, diskutiert die direkten wie indirekten Effekte der technischen Wissenschaf- ten und konzentriert sich dann auf die beiden Leitsektoren der Industriali- sierung: Textil- und Eisenindustrie. In diesem Zusammenhang übersieht er auch nicht die Bedeutung des Arbeits- marktes sowie die Arbeits- und Le- bensverhältnisse der männlichen und weiblichen Beschäftigten in dem neuen Produktionssektor. Die Spinn- und Webmaschinen, welche die explosive Entwicklung der Textilproduktion bewirkten, ebenso wie die Dampfmaschinen, die nicht nur völ- lig neue, standortungebundene Mög- lichkeiten des Antriebs schufen, sowie schließlich die Eisenbahnen ließen all-