36. Jahrgang (2010), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 617 Kurt W. Rothschild 1914-2010 Am 15. November 2010 ist Professor Kurt W. Rothschild im 97. Lebensjahr in Wien verstorben. Bis zuletzt schriftstellerisch und in der Öffentlichkeit präsent, galt Rothschild als Doyen der österreichischen Nationalökonomen, der die Ent- wicklung seiner Wissenschaft in Österreich in der zweiten Hälfte des 20. Jahr- hunderts maßgeblich geprägt hat. Kurt Rothschild studierte ab 1933 zunächst Rechtswissenschaften und dann Nationalökonomie an der Universität Wien und war einer der letzten jüdischen Studenten, die 1938 knapp nach der Okkupation Österreichs noch zum Dr. iur. promoviert wurden. Nach England emigriert, setzte er seine nationalökonomi- schen Studien an der Universität Glasgow fort, an der er nach Erwerbung des M.A. von 1940 bis 1947 als Lecturer in economics tätig war. 1947 kehrte er nach Österreich zurück und war danach fast 20 Jahre als wissenschaftlicher Referent am Institut für Wirtschaftsforschung tätig. Dem Institut blieb Rothschild als Kon- sulent bis zu seinem Lebensende verbunden. An der Universität Wien zwar seit 1962 habilitiert, wurde Rothschild erst 1966 auf eine ordentliche Professur für Volkswirtschaftslehre an der neu gegründeten Universität (damals noch „Hoch- schule“) Linz berufen, von wo er 1985 emeritierte. Als forschender, schreibender und publizierender Wissenschaftler blieb Kurt Rothschild bis ganz zuletzt ak- tiv, wovon der posthum in dieser Ausgabe der Zeitschrift veröffentlichte Artikel Zeugnis gibt. Mit Stolz kann „Wirtschaft und Gesellschaft“ von sich sagen, mit 14 veröffentlichten Beiträgen eines der von Kurt Rothschild besonders bevorzugten Publikationsorgane zu sein (siehe die Liste seiner Artikel seit dem Erscheinen der Zeitschrift im Anhang zu diesem Nachruf). Rothschilds nationalökonomisches Lebenswerk ist von einer heute nicht mehr anzutreffenden Universalität, es umfasst die Theorie ebenso wie die Empirie und die Wirtschaftspolitik. Als Theoretiker behandelte Rothschild zuerst Fragen der Preistheorie („Price Theory and Oligopoly“, 1947), bewegte sich dann über die Lohntheorie („The Theory of Wages“, 1954, deutsch 1963) zunehmend in den Bereich der Makroökonomik, in dem er wichtige Beiträge zur Wachstumstheorie und zur Einkommensverteilung verfasste. Wegweisend auch in wirtschaftspoli- tischer Hinsicht waren Rothschilds Aufsätze zur Inflationstheorie („The Phillips Curve and All That“, 1971, u. a.). Beiträge zur Ökonomie des Arbeitsmarktes wur- den zum Schwerpunkt von Rothschilds Analysen, als die Arbeitslosigkeit seit den 80er-Jahren zum zentralen wirtschaftspolitischen Problem der Industriestaaten wurde (v. a. „Arbeitslose, gibt’s die?“,1978). Fast unübersehbar ist die Zahl der Artikel, in denen sich Rothschild in den letzten drei Jahrzehnten mit den verschie- densten Fragen der Theorie und der Wirtschaftspolitik beschäftigt hat. Seine generelle theoretische Orientierung hat Kurt Rothschild einmal selbst als „methodischen Pluralismus“ bezeichnet. Mit seinem synthetischen Denken ver- einigte er Elemente aus so unterschiedlichen Theorierichtungen wie Neoklassik, Keynesianismus, Marxismus und Österreichische Schule. Seine ursprüngliche Prägung durch die Neoklassik – allerdings in der Version Alfred Marshalls, vor deren Pervertierung durch die mathematische Gleichgewichtstheorie – hat er nie verleugnet, dabei es in unnachahmlicher Art verstanden, die Neoklassik gegen