37. Jahrgang (2011), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft 187 Peter Kreisky 1944-2010 Tief betroffen mussten Freunde und frühere Kolleginnen und Kollegen am letz- ten Weihnachtsfeiertag des vergangenen Jahres aus den Nachrichten erfahren, dass Peter Kreisky in seinem Urlaubsort in Mallorca plötzlich verstorben ist. Er stand erst im 67. Lebensjahr. Peter Kreisky wurde am 8. Mai 1944 geboren, sein Geburtsort ist Stockholm, wo seine Eltern Bruno und Vera Kreisky nach der Okkupation Österreichs durch Hitlerdeutschland 1938 Zuflucht gefunden hatten. Seine Kindheit verbrachte Pe- ter Kreisky in Schweden, wo er auch die Grundschule besuchte und von wo er mit seinen Eltern 1951 nach Österreich kam. Während seiner Mittelschul- und Studienzeit engagierte sich Peter Kreisky bei der sozialistischen Mittelschüler- bzw. Studentenbewegung. Von 1962 studier- te er an der Universität Wien Rechtswissenschaften (Dr. iur. 1970). Jusstudium und Engagement in der Studentenpolitik fielen in die bewegten „68er-Jahre“, die Peter Kreiskys politische Orientierung nachhaltig geprägt haben. Er stand stets in einem kritischen Verhältnis zu der von seinem Vater als Bundeskanzler maß- geblich geprägten Politik der SPÖ-Alleinregierung (1970-1983) bzw. auch der späteren Politik der Sozialdemokratischen Partei, wobei er immer auch deren Verdienste um Reformen und für die Geltendmachung sozialer Zielsetzungen zu würdigen wusste. Nach Abschluss des Studiums absolvierte Peter Kreisky 1970 bis 1972 den politikwissenschaftlichen Zweig des Instituts für Höhere Studien. Dort wirkte er an maßgeblicher Stelle am Forschungsprojekt über das österreichische Gesund- heitswesen mit (veröffentlicht 1980 unter dem Titel „Gesundheit im gesellschaft- lichen Konflikt“). Im September 1973 trat Peter Kreisky in die Wirtschaftswissenschaftliche Ab- teilung der AK Wien ein. Seine hauptsächlichen Arbeitsgebiete waren Fragen der gesellschaftlichen Ungleichheit und der Entwicklung des Sozialstaats, später die Entwicklung regionaler wirtschaftlicher Disparitäten und Regionalpolitik. Vie- le Jahre vertrat Peter Kreisky die Bundesarbeitskammer in der Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK) und in einer Vielzahl ihrer Unterarbeitsgrup- pen, wo er sich mit großem Engagement und Beharrlichkeit für die Anliegen der AK in der Regionalpolitik einsetzte. Bei seinen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen kam Peter Kreisky sei- ne gute Kenntnis des schwedischen Modells der Sozial- und Wirtschaftspolitik zugute. Von der Ausbildung her primär Politikwissenschaftler, war Peter Kreis- ky nach seinem Selbstverständnis immer Sozialwissenschaftler in einem um- fassenden Sinn, der stets auch die Wechselbeziehungen zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im Blick hatte. Über den wissenschaftlichen und inte- ressenpolitischen Bezug hinaus reichte sein Aktionsradius weit in den politischen Bereich hinein, wie seine vielfältigen Engagements auf den verschiedenen Po- litikebenen bezeugen. Peter Kreisky hat in diesem Sinn immer in zwei verschie- denen Sphären agiert, in jener der Sozialwissenschaft und in jener der Politik, wobei sein Engagement aber ungeachtet seiner Zugehörigkeit zur SPÖ kein bloß parteipolitisches war.