Editorial Europa steht am Scheideweg I. Primat der Finanzm�rkte �ber die Politik Nach der erstaunlich raschen �berwindung der durch die Finanzkrise ausgel�sten Rezession in den meisten Staaten der Europ�ischen Union gelang es Teilen der Wirtschaft und der Politik, die Finanzkrise zu einer Staatsschuldenkrise umzudefinieren. Die drei wesentlichen Ursachen der Krise � zunehmende Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Verm�gen, Ungleichgewichte in den Leistungsbilan- zen und Unterregulierung der Finanzm�rkte � wurden dabei auf das populistische Argument reduziert, die Mitgliedstaaten h�tten �ber ihre Verh�ltnisse gelebt. Ebenso gut kann behauptet werden, die Staaten h�tten unter ihren Verh�ltnissen Steuern eingehoben. Ersteres trifft nur in Ausnahmef�llen zu, etwa f�r Griechenland. Tats�chlich ist der sprunghafte Anstieg der Staatsschulden in erster Linie darauf zur�ck- zuf�hren, dass die Staaten erhebliche Mittel zur Vermeidung des Zu- sammenbruchs des Finanzsystems und zur Stabilisierung der schwe- ren Wirtschaftskrise einsetzen mussten. Die Rezession f�hrte zudem zu hohen Steuerausf�llen. Ohne St�tzung der Nachfrage durch die �ffentlichen Haushalte w�re die Rezession sicherlich st�rker und l�n- ger ausgefallen. In der EU sind die Staatsschulden nach den j�ngsten Sch�tzungen der Kommission von 2007 bis 2011 um mehr als 23% des BIP angestiegen. In �sterreich fiel der Anstieg der Staatsschulden im Zeitraum 2007 bis 2011 mit �ber 12% des BIP bedeutend niedriger aus. Mit dem Anstieg der Staatsschulden setzte Ende 2009 � eingeleitet von genau jenen Finanzmarktakteuren, die zuvor mit massiven �ffentli- chen Mitteln gerettet werden mussten �, aufbauend auf den bestehen- den Ungleichgewichten, eine Spekulation gegen die schw�chsten Staaten der Eurozone an der Peripherie ein. Durch das Zusammen- spiel zwischen den Ratingagenturen und den Finanzinvestoren wurden die Zinss�tze f�r Staatsanleihen kontinuierlich in die H�he getrieben. Begonnen hat dieses �Spiel� mit Griechenland, setzte sich dann aber fort und breitete sich schlie�lich wie eine Epidemie in der Spekulation gegen gro�e Staaten wie Spanien (das vor der Finanzkrise budgetpoli- tischer Mustersch�ler war), Italien und Frankreich aus, deren steigende Anleihenzinss�tze nun zu einer ernsthaften Zuspitzung der Krise ge- f�hrt haben. 501 37. Jahrgang (2011), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft