KOMMENTAR Paul Krugman und die Frage der Lebensmittel- spekulation Josef Falkinger jun. In den letzten drei Monaten starben in Somalia 29.000 Kinder unter fünf Jahren an Hunger, 600.000 weitere sind gefährdet. Ein aktueller Bericht der Weltbank macht die hohen Le- bensmittelpreise verantwortlich. Nicht allein Globalisierungskritiker – auch konservative Politiker wie Nikolas Sar- kozy – sehen Lebensmittelspekulation als Hauptursache der Preishausse. Ganz anders der Wirtschaftsnobel- preisträger und New York Times-Ko- lumnist Paul Krugman. Der renommier- te Ökonom bestreitet einen Zusam- menhang und hat damit viele seiner Leser vor den Kopf gestoßen. Interes- sierte fragen sich: Wie lauten Krug- mans Argumente, und wie stichhaltig sind sie? Zuerst gilt es den Begriff der Speku- lation mit Waren zu klären: In der Zeit von Adam Smith handelte es sich da- bei ganz einfach um das Horten eines knappen Gutes zum Zwecke seiner Teuerung. Heute – im Zeitalter der Fi- nanzmärkte – ist der Sachverhalt kom- plizierter: Moderne Güterspekulanten, das sind hauptsächlich Investment- banken, erwerben in großem Stil soge- nannte Future-Kontrakte. Das bedeu- tet: Sie kaufen heute Waren, die erst zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zu- kunft geliefert werden müssen, und hoffen, diese Waren dann teurer los- schlagen zu können. Durch dieses Verfahren erhalten Nahrungsmittel, Rohöl und Rohstoffe zusätzlich zu ih- rem aktuellen Marktpreis (spot price) einen sogenannten Zukunftspreis (fu- ture price). Sobald dieser Zukunfts- preis beispielsweise von Weizen den aktuellen Marktpreis übersteigt, gibt es einen Anreiz für Bauern und Agrarkon- zerne, Weizen zu horten und in Form eines Zukunftkontraktes zu verkaufen. Die Preise steigen. Auch wenn der Zusammenhang heu- te komplizierter ist als anno 1800, ist der Kern so einfach wie eh und je. Ohne Horten, ohne künstliche Ver- knappung des Angebots, führt auch die wüsteste Spekulation mit Future-Kon- trakten nicht zu einer Steigerung des aktuellen Marktpreises. Krugmans Argument Genau hier setzt der Ökonom Paul Krugman in seiner Argumentation an. Er behauptet, dass im letzten Jahr während der großen Steigerung der Nahrungsmittelpreise die Lagerhaltung nicht stieg, sondern sank. Die Spekula- tion könne folglich nicht für die Entwick- lung verantwortlich gemacht werden. Er schrieb in seinem Blog am 7.2. 2011: „If high futures prices induce increased storage, this reduces the quantity available to consumers, and it can raise the price. And you can, in fact, argue that something like this has been happening for cotton and cop- per, where there are apparently large and growing inventories. But for food, it’s just not happening: stocks are low and falling.“ 639 37. Jahrgang (2011), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft