Play it again, Sam: Die Renaissance der Industriepolitik in der Großen Rezession Christian Reiner 1. Einleitung Die schwerste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression bzw. dem Zweiten Weltkrieg führt in vielen OECD-Staaten zu einer temporären oder möglicherweise auch dauerhaften Neuorientierung der Wirtschaftspolitik. Unter anderem betrifft dies die Beurteilung industriepolitischer Interventio- nen und die partielle Abwendung vom Kapitalismus angelsächsischer Prä- gung. Diese beiden Entwicklungen sind eng miteinander verwoben und keineswegs frei von Widersprüchen. Während sich in Europa bereits in den Jahren vor der Krise eine Renais- sance der Industriepolitik als Folge von Globalisierungsprozessen, Wachs- tumsschwäche und Lissabon-Agenda abzeichnete, führt die „Große Rezession“ zur Vollendung dieses erfolgreichen Comebacks.1 Auffällig dabei ist, dass es tatsächlich vielfach um Politik für die verarbeitende In- dustrie i. e. S. (manufacturing) geht und nicht um eine horizontale Indus- triepolitik, welche einen marktbestimmten Strukturwandel flankiert. Insbe- sondere finden sich mittlerweile explizite Befürworter einer Industriepolitik in so gut wie allen nationalen, politischen und zunehmend auch wissen- schaftlichen Lagern. Dazu einige prominente wirtschaftspolitische Beispiele: Markant ist die Reorientierung hin zur positiven Bewertung von Industriepolitik etwa im Falle Großbritanniens: Der britische Wirtschaftsminister Mark Prisk äußerte in einer Rede mit dem Titel „Remaking Britain’s economy: the growth plan for manufacturing“ im Mai 2011 folgendes Vorhaben: „As part- ners, government and industry both wish to renew and rebuild our design, manufacturing and engineering capability.“2 Der US-amerikanische Präsi- dent erklärte 2009, dass die Regierung „strategic decisions about strategic industries“3 zu treffen habe. Auch seine Ankündigung in der „State of the Union address“ von 2011, die USA müssten ihre Exporte verdoppeln, ver- weist mehr oder weniger direkt auf den Industriesektor als Zielobjekt politi- scher Intervention.4 Dem steht die EU um nichts nach und leitet ihre neue 15 38. Jahrgang (2012), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft