industriepolitische Initiative mit einer emphatischen Botschaft ein: „Now more than ever, Europe needs industry and industry needs Europe.“5 Der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos hat in einem Strate- giepapier („Renaissance der Industrie und die Rolle der Industriepolitik“) die Bedeutung der Industrie im Kontrast zur Finanzwirtschaft herausge- strichen: „Die Renditen der Finanzwirtschaft müssen erst hart an den Fließbändern, Werkbänken und Ladentheken erarbeitet werden. Deshalb ist die Industrie so wichtig.“ Last but not least sei hier noch auf die nicht gerade als industriepolitische Postille bekannte Wirtschaftszeitschrift „The Economist“ verwiesen. Selbst dort wird mittlerweile das Fehlen großer bri- tischer Technologieunternehmen im IKT-Sektor ? la Microsoft oder Face- book beklagt. Wenngleich der Staat diese nicht „out of thin air“ hervorbrin- gen könne, so gilt für die Regierung trotzdem: „But it can help“.6 Simultan zur Vollendung der industriepolitischen Renaissance existiert eine eng damit verbundene Diskussion über wirtschaftspolitische Leitbil- der. Letztere sind häufig identisch mit dem Wachstumsmodell der am dynamischsten wachsenden Volkswirtschaft(en). Während das Modell der japanischen Wirtschaftspolitik in den 1980er-Jahren weltweite Aner- kennung fand, setzte sich nach dessen Absacken in die Stagnation mehr oder weniger das Modell des angelsächsischen Kapitalismus durch. Ins- besondere die Akzeleration des IKT-getriebenen Produktivitätswachs- tums in den USA ab der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre führte zu aus- führlichen Debatten über die mangelnde Dynamik und Innovationsfähig- keit in Europa. Das deutsche Modell galt als weitgehend unattraktiv und wachstumsschwach. Dem „kranken Mann Europas“ wurde ausgerichtet, was man nicht alles von den angelsächsischen, liberalen Marktwirtschaf- ten lernen könne. So nannte etwa der US-amerikanische Ökonom Barry Eichengreen (2007) kurz vor dem Auftreten der ersten Anzeichen der Krise insbesondere die Industrielastigkeit des deutschen Modells als pro- blematisch und verwies auf das Vorbild Großbritanniens: „The UK has enjoyed such a successful economic run precisely because, for peculiar reasons by the name of Maggie Thatcher, it got out of manufacturing and into financial and other services at the right time. (…) The real problem in Germany is (…) its failure to recognize that industry and prosperity are no longer synonymous.“7 Im Sinne der „kreativen Zerstörung“ von Schumpeter kam es in der Krise zum Nachfrageeinbruch nach angelsächsischen Therapievorschlägen. Zunächst setzte sich als neues „Produkt“ kurzfristig das französische Modell durch. Der „Economist“ identifizierte 2009 eine „new pecking order“ europäischer Volkswirtschaften: Ein überlegenes, französisch-dirigisti- sches Modell wird gefolgt von einem intermediären deutsch-ordoliberalen Modell, welches wiederum von einem abgeschlagenen britisch-liberalen Model deutlich abgesetzt erscheint. Es sei jedoch lediglich eine Frage der 16 Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 1