Zeit, bis das liberale Modell wieder triumphiere. Tatsächlich kam es aber mittlerweile vor allem dazu, dass aktuell nunmehr Deutschland als das attraktivste Modell erscheint. Nobelpreisträger Michael Spence (2011) etwa verweist auf den erfolgreichen Widerstand Deutschlands gegen die Erosion des Industriesektors und lobt die niedrigere Einkommensung- leichheit relativ zu den USA. Die angebotspolitischen Reformen unter dem Stichwort „Agenda 2010“ werden als exportfähige Strategie angesehen, die in Italien oder Frankreich ebenfalls umgesetzt werden sollten.8 Verges- sen scheinen die Zeiten, als die ehemalige französische Finanzministerin das „Geschäftsmodell Deutschland“ als Wachstumsmodell auf Kosten von Dritten öffentlich kritisierte.9 Stattdessen sollen nach Sarkozy eine Arbeits- zeitflexibilisierung, eine Reduktion der Sozialbeiträge der Unternehmen sowie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19,6% auf 21,2% Frank- reich an die deutschen Erfolge Anschluss finden lassen.10 Diese beiden miteinander verbundenen Entwicklungen, die Renais- sance der Industriepolitik sowie der Wandel im wirtschaftspolitischen Leit- bild, stehen im Zentrum dieses Beitrags. Folgende Fragen werden erör- tert: Worin liegen die krisenbedingten Ursachen für das erneute Interesse an Industriepolitik? Lässt sich die behauptete Überlegenheit des deut- schen Modells durch Empirie und Theorie unterstützen? Was können andere Staaten davon lernen? Dieser Artikel ist wie folgt strukturiert: Im nächsten Abschnitt wird ein Überblick über die makroökonomischen Entwicklungen am Beispiel von ausgewählten Volkswirtschaften gegeben. Kapitel 2 diskutiert die Ursa- chen für die industriepolitische Renaissance. Kapitel 3 ist dem „Geschäfts- modell Deutschland“ gewidmet, Kapitel 4 resümiert die Ergebnisse. Vorab eine kurze Anmerkung zum Begriff Industriepolitik. Industriepolitik im traditionellen Sinne existiert nicht mehr, und auch der Industriesektor ist zunehmend kein klar funktional abgrenzbares Aggregat mehr.11 Industrie- politik geht vor allem in den OECD-Staaten in einer Innovations- und Tech- nologiepolitik sowie einer regionalen Clusterpolitik auf.12 Der Industriesek- tor wird immer mehr Bestandteil eines größeren servo-industriellen Sektors.13 Dieser umfasst zusätzlich unternehmensbezogene Dienstleis- tungen, welche für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zunehmend wichtiger werden. Gleichzeitig nimmt aber auch der Anteil von Dienstleis- tungsaktivitäten innerhalb des Industriesektors zu.14 Viele Industriegüter werden heute als Güterbündel verkauft, welche neben dem physischen Gut vor allem auch Servicekomponenten enthalten. Als Arbeitsdefinition des Begriffs Industriepolitik soll hier nachstehender Definitionsversuch gelten: Industriepolitik bezeichnet politische Interventionen mit dem Ziel, die Wirtschaftsstruktur einer Ökonomie hinsichtlich verschiedener Merk- male (z. B. Branchen, Unternehmensgrößen, Anpassungsfähigkeit an Nachfrageänderungen, Technologieniveau) aktiv zu beeinflussen. 17 38. Jahrgang (2012), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft