kräfte mit Lehre oder mit Lehre und Abitur ein höheres relatives Lohn- wachstum gegenüber ungelernten Beschäftigten als Absolventen einer Universität oder Fachhochschule erfahren.59 Dieses Qualifikationsniveau entspricht dem typischen Facharbeiter in der deutschen Industrie. Oftmals wird der hier vorgetragenen Argumentation entgegengehalten, dass es auch im Dienstleistungssektor Branchen mit wesentlich höherem Lohnniveau gibt. So weist z. B. Krämer (2011) darauf hin, dass die Löhne im Finanzsektor um 71% über jenen im Industriesektor liegen. Unterneh- mensbezogene Dienstleistungen erbringen durchschnittlich 14% höhere Löhne. Diese Sektoren stellen jedoch für den klassischen Industriearbei- ter sowie generell für Personen mit mittlerem bzw. niedrigem Qualifika- tionsniveau kein realistisches Substitut dar. Gerade in Großbritannien, das in den letzten Jahrzehnten den stärksten Rückgang der Industrie zu verzeichnen hatte, ist der Ausbildungsstand der Industriearbeiter relativ niedrig.60 Diese Qualifikationslücke zum Finanzsektor oder zu unterneh- mensnahen Dienstleistungen kann bei realistischer Einschätzung kaum geschlossen werden. Viel eher erscheint vielfach das genaue Gegenteil zu passieren: Anstatt höherer Löhne erfolgt durch den Übertritt vom Indu- strie- in den Dienstleistungssektor eher eine Entwertung von Humankapi- tal sowie teils drastische Einkommenseinbußen.61 Neben dem Einkommen spielt auch der Arbeitsvertrag eine wichtige Rolle in der Beurteilung der Arbeitsplatzqualität. Die Ausgestaltung des Arbeitsvertrags hat etwa einen wichtigen Einfluss auf die Beschäftigungs- sicherheit und auf den Zugang zum System der sozialen Sicherung. Im Einklang mit den dargestellten Ergebnissen für das Merkmal Einkommen zeigen sich auch beim Arbeitsvertrag durchschnittlich höherwertige Arbeitsplätze in der Industrie als im Dienstleistungssektor. Abbildung 8 zeigt den sektoral differenzierten Anteil atypischer Beschäftigungsverhält- nisse in Deutschland im Zeitvergleich. Neben dem aggregierten Industrie- und Dienstleistungssektor sind mit dem Kredit- und Versicherungsge- werbe sowie den öffentlichen und persönlichen Dienstleistungen jene Dienstleistungsbranchen dargestellt, welche den niedrigsten bzw. höchs- ten Anteil an atypischen Beschäftigten im Jahr 2009 aufwiesen. Zunächst einmal zeigt sich eine Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse über alle Branchen hinweg. Weiters zeigt sich, dass sowohl 1996 als auch 2009 der Dienstleistungssektor einen deutlich höheren Anteil atypischer Beschäftigungsverhältnisse aufweist. Durch die höhere Zunahme aty- pisch Beschäftigter im Dienstleistungssektor zwischen 1996 und 2009 hat sich der Unterschied in der Arbeitsplatzqualität weiter verschärft. Betrug der Unterschied 1996 noch 10,8 Prozentpunkte, so lag dieser 2009 bei 13,8 Prozentpunkten. Damit ist insgesamt ein Viertel der Beschäftigten im Dienstleistungssektor atypisch beschäftigt. Auffällig ist weiterhin, dass selbst im Kredit- und Versicherungsgewerbe, der Dienstleistungsbranche 41 38. Jahrgang (2012), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft