scheidender technologischer Fähigkeiten, welche wiederum als positive Externalitäten auch für andere Unternehmen verfügbar werden (z. B. durch Arbeitskräftemobilität). Die Abwanderung reifer Industrien ist zwar einerseits Bestandteil eines dynamischen Strukturwandels, aber auch dieser Prozess kann negative Konsequenzen haben. Nach Pisano und Shih (2009) ist die Entstehung neuer Industriezweige oft in entscheidender Weise von den „industrial commons“ reifer Industrien abhängig. So wird etwa argumentiert, dass die Abwanderung der Halbleiterindustrie die Voraussetzungen für die erfolg- reiche Entwicklung von Solarzellen entscheidend beeinträchtigt habe, weil die Entwicklung und Produktion von Solarzellen Kompetenzen in der Halb- leiterproduktion voraussetzt. Die Komplementarität von Produkt- und Prozessinnovationen wird durch die Ergebnisse der Literatur zur Standortwahl von unternehmerischen Funktionen partiell bestätigt. Aufgrund der rasanten Entwicklung interna- tionaler Wertschöpfungsketten und der damit verbundenen Allokation von Unternehmensfunktionen auf Standorte mit komparativen Vorteilen für die jeweilige Funktion ergibt sich die Frage, welche Funktionen typischer- weise räumlich ko-lokalisiert sind. Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Funktion der Produktion die stärkste Anziehungskraft für andere Unternehmensfunktionen aufweist.69 Insbesondere neigen Unternehmen in hohem Ausmaß dazu, die Funktionen „Design und Entwicklung“ in räumlicher Nähe zur Produktion anzusiedeln. Aber auch die Standortwahl von F&E-Funktionen weist eine relativ starke Abhängigkeit vom Produk- tionsstandort auf. Beispiele aus der Regionalökonomie zeigen, dass viel- fach erst der Aufbau einer industriellen Basis die Anreize zur Ansiedlung von hochwertigen produktionsbezogenen Dienstleistungen schafft. Regio- nen, die nicht bereits etablierte Zentren für hochrangige Dienstleistungen darstellen, haben ohne industrielle Basis regelhaft auch nur einen gering entwickelten, wissensextensiven Dienstleistungssektor.70 Untersuchungen zur Internationalisierung von schweizerischen Produk- tionsunternehmen bestätigen den engen Konnex von Produktion und F&E-Funktionen.71 Je höher der Internationalisierungsgrad der Produk- tion, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass auch F&E internationali- siert wird: „Forschung folgt Fertigung“.72 Freilich erfolgen im Ausland viel- fach komplementäre und nicht substitutive F&E-Aktivitäten. So spielt die Anpassung an lokale Märkte eine wichtige Rolle bei F&E-Aktivitäten im Ausland. Trotzdem werden zwei Aspekte deutlich: Ersten sind F&E und Produktion funktional und räumlich eng miteinander verknüpft. Zweitens erweist sich die Idee einer internationalen Arbeitsteilung, in welcher sich die reichen Staaten auf Forschung und Design neuer Produkte spezialisie- ren, während diese in Entwicklungs- und Schwellenstaaten produziert werden, als partiell inkompatibel mit realen Unternehmensstrategien. Die 45 38. Jahrgang (2012), Heft 1 Wirtschaft und Gesellschaft