Internationalisierung der Produktion war der Vorläufer der Internationali- sierung von F&E-Aktivitäten.73 4. Lernen von der deutschen Wirtschafts- und Industriepolitik? Wie in Kapitel 2 gezeigt wurde, war die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands vor der Krise relativ zu den liberalen Marktwirtschaften kei- neswegs besonders positiv, Deutschland wurde vielmehr als Wachstums- bremse kritisiert. Der deutsche Arbeitsmarkt hat jedoch in der Krise eine erstaunlich gute Performanz gezeigt. Hier liegt wohl die wichtigste Ursa- che für die Attraktivität des „Geschäftsmodells Deutschland“. Dies steht im scharfen Kontrast zum starken Einbruch bei der Produktion. Während die geleisteten Arbeitsstunden aber im Einklang mit dem Einbruch der Pro- duktion gesunken sind, wurden unerwartet wenige Arbeiter gekündigt. Diese Entwicklungen sind im Wesentlichen auf den Industriesektor beschränkt. Die am häufigsten genannten Erklärungen hierfür betreffen Arbeitsmarktinstitutionen (Kurzarbeit, Arbeitszeitkonten), Arbeitsmarktre- formen (Agenda 2010), Lohnzurückhaltung und automatische Stabilisato- ren.74 Burda und Hunt (2011a) haben neue Erkenntnisse zum deutschen Arbeitsmarkt in der Krise präsentiert. Ihr Beitrag basiert auf der Analyse der Erwartungen der Unternehmen über die Wirtschaftslage in den Vorkri- senjahren 2005-2007. Dabei zeigt sich, dass die Erwartungen der deut- schen Industrie sehr pessimistisch waren. Als Folge davon wurden relativ zur tatsächlichen Wirtschaftsentwicklung wenig Arbeiter angestellt. Die geringe Arbeitsnachfrage vor der Krise wird in Relation zu den geringen Kündigungsraten in der Krise gesetzt. Ökonometrische Analysen erge- ben, dass 41% des „fehlenden“, d. h. des zu erwartenden Rückgangs an Beschäftigung, gemessen an historischen Rezessionen, durch diesen Mangel an Anstellungen vor der Krise erklärt werden kann. Weitere 20% werden durch die Lohnzurückhaltung vor der Krise erklärt. Auch die Arbeitszeitkonten haben die Anreize der Unternehmen, von Entlassungen Gebrauch zu machen, reduziert. Zusammengenommen ergibt sich das ernüchternde Ergebnis, dass die Entwicklung des deutschen Arbeits- markts eine „historical anomaly“75 war, die vor allem auf ein „one-off event with less favourable social welfare implications“76 zurückgeht. Eine Über- nahme des Modells der Arbeitszeitkonten wäre für die USA zwar interes- sant, aber schwierig, weil dieses System auf den für eine koordinierte Marktwirtschaft typischen Institutionen aufbaut. Das deutsche Arbeits- marktwunder wird sich daher weder in Deutschland noch in anderen Staa- ten mit großer Wahrscheinlichkeit replizieren lassen. Die Orientierung an den Exporterfolgen der deutschen Industrie ist ebenfalls von einigen fragwürdigen Annahmen geprägt. Oft erwähnt, aber 46 Wirtschaft und Gesellschaft 38. Jahrgang (2012), Heft 1