Der vernachlässigte radikale Keynes Die traditionelle, noch immer nicht überwundene Reduzierung der Gedankengänge von Keynes auf Hydraulik und Fiskalismus einerseits, auf die kurze Sicht andererseits – „In the long run we are all dead“ – über- sieht Keynes’ sehr viel weiter gehende Arbeiten betreffend die lange Frist; Walterskirchen (2011) hat dankenswerter Weise jüngst auf diesen ver- nachlässigten Aspekt nachdrücklich hingewiesen.22 In „The long-term pro- blem of unemployment“ (Keynes 1943) erwartete Keynes drei unter- schiedliche Phasen der Nachkriegsentwicklung: In der ersten würde die Spartätigkeit weit unter den Investitionswünschen liegen, Inflation wäre das Hauptproblem; in der zweiten würden die Spar- und Investitionspläne einander entsprechen, und das Hauptproblem der Wirtschaftspolitik wäre die (hydraulische?) Konjunktursteuerung. In der dritten Periode hingegen ließe der Wohlstand die Spartätigkeit stark ansteigen, die Investitions- pläne blieben infolge des hohen Kapitalbestands und des langsameren Wachstum dahinter zurück; ein „wisely managed“ Kapitalismus werde in dieser Periode daher versuchen müssen, die Spartätigkeit zu verringern und die Arbeitszeit zu verkürzen. Allerdings glaubte Keynes (1943, 278, zitiert nach Walterskirchen 2011) nicht, dass das kurzfristig funktioniert: „I should expect for a long time to come that the government debt would be continually increasing in grand total.“ Es soll hier nicht darüber reflektiert werden, ob es sich bei Keynes’ Visio- nen um ein gesetzmäßiges Ablaufsschema handelt – tatsächlich etwa war die zweite Periode, die Keynes mit ein bis zwei Jahrzehnten ansetzte, län- ger –, auch nicht darüber, ob das Schema in einer globalisierten Welt mit einem potentiell enormen Kapitalbedarf für Entwicklungs- und Umweltin- vestitionen weiterhin gilt. Zumindest vorübergehend befinden sich die ent- wickelten Industriestaaten derzeit aber sehr wohl in einer Phase, die Key- nes’ dritter entspricht. Das Angebot von anlagesuchenden Mitteln ist nicht bloß durch die heimische Spartätigkeit sondern auch durch die Anlage von Mitteln aus weniger entwickelten Regionen sehr hoch, die private Investi- tionstätigkeit konzentriert sich auf Ersatzinvestitionen, da deren Kapazi- täts- und Produktivitätseffekt angesichts des reduzierten Wachstums genügt; weniger entwickelte Länder lehnen Auslandsmittel seit der Süd- ostasien-Krise weitgehend ab. Wenn aber die Haushalte sparen, also Finanzierungsüberschüsse haben, die Unternehmen und Ausland nicht benötigen und der Staat – aus guten und weniger guten Gründen – nicht verwenden darf, muss die Nachfrage stagnieren und cet.par. Arbeitslosig- keit entstehen.23 * * * Keynes war, vor allem in seinen wirtschaftspolitischen Aussagen, nicht immer klar und auch keineswegs widerspruchslos. Er lässt sich unter- 193 38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft