Investition und Zins Die Beiträge Schumpeters und Keynes’ Heinz D. Kurz 1. Einführung Als langjähriger redaktioneller Leiter der Zeitschrift Wirtschaft und Gesellschaft hat Günther Chaloupek immer wieder Beiträge zur ökonomi- schen Theoriegeschichte abgedruckt. Er selbst ist ein ausgewiesener Kenner auf diesem Gebiet. In zahlreichen Aufsätzen hat er sich mit einem bunten Strauß an Themen befasst. Schwerpunkte seiner diesbezüglichen Arbeit sind die sogenannte Österreichische Schule der Nationalökonomie, der Austromarxismus und der Keynesianismus. Wiederholt hat er sich über die Beiträge Joseph Alois Schumpeters und John Maynard Keynes’ zur Wirtschaftstheorie geäußert. Seinem Beispiel will ich in diesem kurzen Beitrag folgen. Schumpeter gilt im Allgemeinen als eher konservativer Vertreter seines Faches, für den nach eigenen Worten die Theorie des all- gemeinen Gleichgewichts von Léon Walras die „Magna Charta“ der Volks- wirtschaftslehre war. Der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts zufolge tendiert das ökonomische System bei flexiblen Preisen und Löhnen zu einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung seiner produktiven Ressour- cen. Keynes hingegen gilt als Neuerer, der mit dem „Prinzip der effektiven Nachfrage“ theoretisch Neuland beschritten hat und dessen Theorie zumindest eine Zeitlang dabei war, das Fach zu revolutionieren. Das Prin- zip besagt, dass es keinen Grund zur Annahme gibt, die Investitionen gra- vitierten auf die Dauer und im Durchschnitt um das Niveau der Ersparnis bei Vollbeschäftigung. Folglich sei davon auszugehen, dass von kurzlebi- gen Phasen abgesehen das ökonomische System immer mehr oder weni- ger große Spannen von Unterauslastung aufweist. Vielfach werden Schumpeter und Keynes als einander diametral gegenüberstehende Theoretiker dargestellt. Dieses geläufige Bild soll im Folgenden wenigstens partiell, die investi- tions- und zinstheoretischen Vorstellungen der beiden betreffend, korri- giert werden. Das vorgestellte Argument ist auch insofern partiell, als im Wesentlichen nur die beiden Hauptwerke unserer dramatis personae zur Sprache kommen, die 1911 (im Impressum 1912) veröffentlichte Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung Schumpeters und die 1936 veröffent- 197 38. Jahrgang (2012), Heft 2 Wirtschaft und Gesellschaft